Kontrollierter Raubbau statt Green Economy

Münchner Autorin Kathrin Hartmann liest beim John in Obing – Lebhafte Diskussion

Obing. Die Münchner Autorin Kathrin Hartmann berichtete im Gasthaus „John“ von ihren Reisen nach Indonesien, Bangladesch und El Salvador, wo sie für ihr Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ über die Auswirkungen der Green Economy recherchiert hatte. Bei der Lesung auf Einladung des Agrarbündnis Berchtesgadener Land/Traunstein zeigte Kathrin Hartmann die zerstörerischen Folgen des „grünen Kapitalismus“ sowie mögliche Alternativen auf.

In deutlichen Worten schilderte die Autorin Kathrin Hartmann die Bedingungen, unter denen sogenannte „nachhaltige“ Erzeugnisse produziert werden: etwa von Palmöl oder auch von Shrimps. Foto: Eder

Als „international wettbewerbsfähige, umwelt- und sozialverträgliche Wirtschaft“ sowie als „Wachstumsmotor“ beschreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung sein „Leitbild der Green Economy“. Kathrin Hartmann erklärt: „Hinter dem Schlagwort verbirgt sich die Idee, Wachstum und Naturverbrauch mit Hilfe neuer Technologien zu ‚entkoppeln‘. Alle Versuche, destruktive Techniken und Rohstoffe durch ’nachhaltigere‘ zu ersetzen, sind aber gescheitert oder haben die Probleme sogar noch verschärft.“

Für die Herstellung von Elektroautos, Windrädern und Solarzellen würden beispielsweise große Mengen Seltener Erden benötigt, die in Kriegsgebieten oder auf Kosten Indigener abgebaut werden. Shrimps aus bangalischen Zuchtbecken würden mit Nachhaltigkeits-Siegeln exportiert, obwohl gegen den Willen der Bevölkerung Reisfelder und Mangrovenwälder zerstört worden seien. Und in Indonesien werden im Auftrag von großen Konzernen Regenwälder gerodet und Menschen vertrieben, um in Monokulturen Palmöl erzeugen zu können, das unter anderem für Biosprit, Fertigprodukte und Kosmetik verwendet wird. Dies alles sei „subventioniert durch die Politik, unterstützt von Umweltorganisationen und ausgezeichnet mit Nachhaltigkeitspreisen“, kritisiert Kathrin Hartmann.

„Ich ärgere mich, wenn das Falsche als etwas Gutes ausgegeben wird“, erklärt die Münchnerin ihre Motivation zum Schreiben. Als sie von der Verleihung des deutschen Nachhaltigkeitspreises 2013 in Düsseldorf berichtet, wird das Ausmaß des Zynismus von Wirtschaft, Politik und industriefreundlichen NGOs wie dem WWF deutlich. Deutsche Unternehmen, Verbände und Forschungseinrichtungen sowie die Bundesregierung vergeben die Auszeichnung für sogenannte „Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit“. Bekommen hätten den Preis bisher fragwürdige Unternehmen wie BASF, Bayer, Henkel, C&A, Puma, Siemens, Rewe und Volkswagen. Das Festessen habe ausschließlich aus Fleisch und Fisch bestanden, und „nach eigenen Angaben haben die zwei Tage Weltrettungsevent mehr als 220 Tonnen CO2 verursacht – das ist so viel wie 600 Menschen in Bangladesch in einem Jahr ausstoßen“, schreibt Hartmann.

„Es gibt kein Recht auf einen Lebensstil, der anderen schadet“, ist die 45-Jährige überzeugt. Befürworter des „grünen Wachstums“ würden vorbringen, dass auch Menschen in Entwicklungsländern ein Recht auf die „Segnungen des Fortschritts“ hätten. Die Kleinbauern dort hätten jedoch ganz andere Vorstellungen von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit, stellt die Autorin klar. So wie Brutus, der Dorfvorsteher eines der wenigen intakten Urwalddörfer auf Borneo. „Wir haben Fruchtbäume, Gemüsegärten, Geflügel, Honig, Wildkräuter, Medizinpflanzen. Wir haben alles hier, außer einem Supermarkt. Den brauchen wir nämlich nicht. Der Wald gibt uns alles, was wir brauchen“, sagt er.

Solidarität, Mut und Entschlossenheit

Wirtschaftswachstum und überbordender Konsum seien laut Anhängern der Green Economy gut für die Welt, solange sie innovativ und intelligent gemacht seien. Dem widerspricht Hartmann: „Wir können uns für ein anderes Leben jenseits der Wachstums- und Konsumzwänge entscheiden“, das Wachstum selbst sei das Problem, und man müsse Alternativen dazu finden. Individueller Verzicht alleine und ein bloßer Rückzug aus dem System werde nicht zu einer gesellschaftlichen Veränderung führen. Große Hoffnung machen ihr aber die vielen widerständigen Aktivisten, Indigenen und Kleinbauern, die sie auf ihren Reisen getroffen hat.

Auch in Deutschland sieht sie das „Potenzial gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen“: Etwa bei der „Wir haben es satt“ – und der Anti-Atomkraft-Bewegung sowie den TTIP-Protesten. Kathrin Hartmann ruft dazu auf, dass bereits gelebte Alternativen wie die eigenständige Energieversorgung von Kommunen, ökologisch ausgerichtete, solidarische Landwirtschaft, Gemeinschaftsgärten und Genossenschaften nicht bloß kleine Nischen bleiben dürfen: „Mit Solidarität, Mut und Entschlossenheit können wir Veränderung auf jeden Fall gemeinsam bewirken.“

Davon ist auch Elisabeth Aschauer überzeugt. Sie wandte in der Diskussion zwar ein, dass man einen „langen Atem“ brauche, bis sich gesellschaftlich grundlegend etwas verändert. „Zu sagen ‚Da kann man eh nix machen‘ ist aber das Schlimmste“, meinte die BDM-Kreisvorsitzende im Berchtesgadener Land und verwies auf die Bundestagswahlen im September. Im Vorfeld könne man beispielsweise Politikern Fragen stellen und an Demonstrationen teilnehmen. Margot Rieger aus Obing warnte vor dem Freihandelsabkommen CETA: „Konzerne erhalten damit ein Grundrecht auf ungestörte Investitionsausübung“. Die Parlamente in den meisten EU-Ländern, so auch in Deutschland, müssten aber erst noch zustimmen. Voraussichtlich geschehe dies erst in der nächsten Legislaturperiode. Deshalb sei es wichtig Politiker bei Veranstaltungen darauf anzusprechen.

„Selbst in die Politik gehen“

Heiner Müller-Ermann aus Dorfen geht noch einen Schritt weiter: „Der effektivere Weg ist, selbst in die Politik zu gehen. Denn Politik ist die Diskussion über die Frage ‚Wie wollen wir morgen leben?’“, und darauf könne man in einer Partei Einfluss nehmen, da die Basis beispielsweise die Kandidaten wähle. Er appellierte besonders an junge Menschen, die in Parteien selten seien: „Wir tragen euch auf Händen. Man kann etwas verändern und muss nicht auf langsamen, mühsamen Fortschritt vertrauen“.

Der Landwirt Hans Spitzel aus Grafing betonte die maßgebliche Rolle der landwirtschaftlichen Ausbildung, die den Strukturwandel in Richtung großer Betriebe vorantreibe. Er wollte von Kathrin Hartmann wissen, ob sie Erkenntnisse zu pfluglosem Ackerbau habe, da die CO2-Mengen, die beim Pflügen frei werden, enorm seien. Die Autorin berichtete, dass unter anderem auch die Bill-Gates-Stiftung dieses Problem erkannt habe. Deren vermeintliche Lösung sei aber, „möglichst viel Chemie auf das Feld zu schütten, damit nicht gepflügt werden muss“. Leonhard Strasser gab bekannt, dass das Agrarbündnis einen Vortrag zum Thema plane.

„Die kirchlichen Hilfswerke, wie Misereor, Missio oder Adveniat, haben den richtigen Anspruch und gehen kleine Schritte in die richtige Richtung“ ist Sepp Rottenaicher aus Halsbach überzeugt. Er sieht drei Möglichkeiten, Veränderungen einzuleiten: „Die erste ist Überzeugungsarbeit oder Werbung, die zweite über das Ordnungsrecht und politische Mehrheiten und die dritte über den Preis.“ Die zusätzliche Startbahn am Münchner Flughafen sei nur deshalb vermeintlich notwendig, weil Billigflieger subventioniert würden, anstatt Kerosin zu besteuern.

Sandra Mulzer meinte abschließend, dass es wichtig sei, auch „Positivbeispiele ans Licht zu bringen“, und dass viele wegen beruflicher Belastungen keine Zeit und Kraft mehr hätten, sich differenziert zu informieren. Dazu schreibt Kathrin Hartmann: „Wir brauchen bessere und weniger Arbeit, die Zeit lässt, um mit anderen Menschen die wichtigen Fragen zu diskutieren, ein neues, starkes Miteinander, das das schale Glück des Konsums ersetzt.“ – su

Kathrin Hartmann, geboren 1972 in Ulm, studierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Nach einem Volontariat bei der »Frankfurter Rundschau« war sie dort Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Redakteurin bei »Neon«. 2009 erschien bei Blessing „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt.“, 2012 erregte ihr Buch über die neue Armut – „Wir müssen leider draußen bleiben“ – großes Aufsehen. Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München.

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Wälder mit Schutzfunktion für den Waginger See

Was hat ein Wald in Wonneberg mit dem Schutz des Waginger Sees zu tun?
Förster Max Poschner erläuterte gemeinsam mit Leonhard Strasser und Hans Praxenthaler, die im Agrarbündnis und in der Arbeitsgemeinschaft naturnaher Waldbau aktiv sind, den Teilnehmern bei einem Waldbegang in der Ökomodellregion, wie z.B. der schmale Schutzwaldstreifen beidseits des Panolsgrabens in Wonneberg so bewirtschaftet werden kann, dass er seine Schutzfunktion für den Seezubringer – als Nährstoffrückhalt, Wasserspeicher und Filter – auch in Zukunft optimal erfüllen kann.

Das eher lockere Molassegestein im Untergrund ist die Hauptursache, warum sich Gräben wie Dobelgraben, Lohbach oder Ramgraben seit Jahrhunderten tief ins Gelände eingraben und die Landschaft im Seeneinzugsgebiet mit geformt haben. Das Gelände an beiden Seiten der Gräben ist so steil geworden, dass der Wald darauf schwer zu bewirtschaften ist. Eine stabile, vielfältige und möglichst naturnahe Artenzusammensetzung ist für diese Schutzwaldstreifen besonders wichtig, sonst wird die dünne und lockere Humusschicht als Grundlage des Waldbodens in die Gräben geschwemmt und landet bald im See. „Wir brauchen die Nährstoffe aus dem Humus dringend für ein gesundes Wachstum unserer Bäume und nicht im See, wo sie nur die Algen wachsen lassen“, so Förster Max Poschner, der eine Karte zu den Schutzwäldern im Seeneinzugsgebiet vorstellte. Den wichtigsten Beitrag zur Stabilisierung des Waldbodens leisten in diesem Fall Nadelbäume und besonders die Tanne, weil ihre Pfahlwurzel den Boden auch dort festhalten kann, wo dies flachwurzelnde Arten wie die Fichte nicht mehr schaffen. Noch dazu setzen steigende Jahresdurchschnittstemperaturen und ausgeprägte Trockenheitsphasen der Fichte künftig immer stärker zu. An steilen Stellen ist auch ein reiner Buchenwald nachteilig, denn der lockere Blatthumus aus dem Buchenwald gerät leichter ins Rutschen als der Boden in einem möglichst vielfältigen Mischwald mit seinen verschiedenen Wurzeltiefen.

Eindrucksvoll war für die teilnehmenden Waldbauern ein Hangstück, auf dem seit sieben Jahren eine intensive Jagd stattfindet. Zwischen hohen alten Kronenbäumen und dem jetzigen niedrigen und dichten Jungwaldbestand gibt es keinerlei Zwischenstufen im Baumbestand, d.h. eine Naturverjüngung hatte es bis dahin nicht gegeben, und damit war der Weiterbestand des Schutzwaldes mittelfristig in Frage gestellt. Eine ausreichende Bejagung ist im Waldgesetz vorgeschrieben und für einen naturnahen Waldumbau unerlässlich, darauf wies Leonhard Strasser als Mitorganisator und als Bewirtschafter dieses Waldstücks hin.

Wo soll man als Waldbesitzer in den Bestand eingreifen und wo der Natur freien Lauf lassen? Hans Praxenthaler plädierte dafür, immer wieder zu versuchen, von der Natur zu lernen und mit ihr zu arbeiten, statt gegen sie. Das einseitige Denken des Menschen auf kurzfristigen Ertrag schade oft mehr, als es nütze. Auch früher unerwünschte Baumarten wie die Birke, eine Kirsche oder andere Laubholzarten tragen zu einem vielfältigen und strukturreichen Bestand bei und erfüllen Funktionen im Ökosystem, die wir noch nicht alle kennen. Hier zählt vor allem, was der Waldbesitzer haben will: So kann er sich durch Stärken oder Ausschalten der Konkurrenzbäume in unmittelbarer Nachbarschaft Edellaubstämme zum Verwerten oder Verkaufen ziehen oder auch einmal der raren Fichte im Buchenbestand bei der Durchsetzung helfen. Unregelmäßiges Auflichten im Waldbestand bringt Licht in den Boden und hilft bei der Naturverjüngung, ohne die Stabilität aus dem Gleichgewicht zu bringen – „Waldwirtschaft ist ein Spiel mit Licht und Schatten“, so Praxenthaler, der Waldbauer mit Leib und Seele ist. Ein strukturreicher Wald mit jungen und alten Bäumen im Mischbestand sorgt nebenbei für eine hohe Artenvielfalt und niedrigeren Schädlingsdruck im Wald.

Wo der Hang schon an einzelnen Stellen ins Rutschen geraten ist, kann es auch einmal hilfreich sein, einen größeren Laubbaum am Rand zu fällen und liegen zu lassen, um den Abriss zu stabilisieren, schlug Förster Poschner vor.

Dreißig interessierte Teilnehmer waren trotz heftigen Regens der Einladung der Ökomodellregion gefolgt und hatten im Anschluss noch viele Fragen an die Organisatoren. Im Unterschied zur Situation vor wenigen Jahrzehnten hat sich die Abflusssituation an den Gräben bei starkem Regen dramatisch verschärft. Während das Wasser in den Wonneberger Gräben früher stärker mäandern konnte, die Wassermengen bei Regen langsamer eintrafen und das Wasser klarer blieb, zeigt sich die jahrzehntelange Umwandlung unserer Landschaft mit stark fortschreitender Versiegelung in extrem beschleunigten Abflüssen zu den Gräben und, dadurch bedingt, zu erhöhter Erosion. Bürgermeister Martin Fenninger aus Wonneberg würde sich an manchen Stellen deshalb eine stärkere Verbauung der Bäche mit Augenmaß als Schutz vor Erosion wünschen. Das Wasserwirtschaftsamt sehe solche Aktivitäten allerdings kritisch. Einig waren sich die Teilnehmer darüber, wie wichtig es wäre, wieder mehr Wasser in der Landschaft zurückzuhalten, ehe die Abflüsse in den Gräben landen – doch bisher weisen alle Tendenzen in die gegenteilige Richtung, so z.B. bei der fortschreitenden Versiegelung über Bautätigkeiten für Wohn- und Gewerbegebiete.

Auch eine fortschreitende Verdichtung von Böden in Land- und Waldwirtschaft bringt es mit sich, dass der Boden in der Fläche weniger schnell große Wassermengen aufnehmen und speichern kann, das trägt zu den Abflussspitzen bei. Einer Verdichtung von Waldböden kann durch eine sinnvolle Kombination aus Rückegassen, technischem Gerät, Seilzügen und im Einzelfall sogar schonenden Bringmethoden mit dem Pferd begegnet werden, das verringert die Anzahl der Rückegassen und schont den Waldboden – nicht nur in der Landwirtschaft ist der Schutz vor Verdichtung ein wichtiger Faktor. Der Waldbegang zeigte, wie viele Faktoren bei einer nachhaltigen Waldwirtschaft zu beachten sind und welches Potential ein naturnah bewirtschafteter Wald für den Schutz des Waginger Sees langfristig bietet.

Die Gemeinden der Ökomodellregion haben sich freiwillig verpflichtet, den naturnahen Waldbau auf kommunalen Waldflächen zu unterstützen, auch um ihrer Vorbildfunktion für private Waldbesitzer gerecht zu werden – und sie haben sich verpflichtet, der Innenentwicklung vor der Außenentwicklung den Vorrang zu geben, wo dies möglich und sinnvoll ist, um weitere Versiegelung zu bremsen.

„Veränderungen sind Chancen, nicht der Untergang“

Maria Noichl und Lutz Rille informierten und diskutierten über die Arbeit der EU – Stehen den Landwirten schwere Zeiten bevor?

Wonneberg – „Was läuft in Brüssel hinsichtlich Freihandelsabkommen und Agrarpolitik? Und welche Möglichkeit der Einflussnahme haben wir?“ Diesen Fragen ging das Agrarbündnis Berchtesgadener Land/Traunstein im Rahmen eines Informations- und Diskussionsabends im Gasthaus Alpenblick in Weibhausen auf den Grund. Mit der SPD-Europaparlamentarierin Maria Noichl und Lutz Ribbe, Direktor der umweltpolitischen Abteilung der Stiftung Europäisches Naturerbe (EuroNatur)und Agrarexperte im Wirtschafts- und Sozialausschuss der EU, standen zwei kompetente wie engagierte Gesprächspartner Rede und Antwort.
„Man muss sich stets vor Augen führen: Europa wird nicht von der SPD oder den Grünen geführt“, machte Maria Noichl zu Beginn deutlich. Diese Machtstrukturen aufzubrechen und sich gegen den „Mainstream“ und den Lobbyismus in der Politik zu stellen käme dem langsamen Bohren harter Bretter gleich. Die Handelsabkommen CETA und TTIP mit Kanada und den USA waren an diesem Abend kein Thema, wohl aber das Wirtschaftspartnerabkommen mit Ghana: „Das Abkommen wurde unter dem Druck der EU von Ghana ratifiziert. Anderenfalls wären Strafzölle und Importverbote verhängt worden“, erläuterte die Sozialdemokratin. Bewusst verfolge die EU eigene Handelsinteressen beispielsweise den zollfreien Export und die Öffnung der Märkte für europäische Länder. „Es profitieren die Falschen“, monierte Noichl: „Dem Sturm der Waren können die ehemaligen Kolonialstaaten nicht standhalten. So wird die Unterentwicklung in diesen Ländern nicht abgebaut. Hier wäre Care-Handel statt Fair-Handel erforderlich gewesen.“ Partnerschaft sieht für die sozialdemokratische Politikerin anders aus: „Wir sollten die Menschen in den Entwicklungsländern befähigen, mit Maschinen umzugehen und für sich selbst zu sorgen, anstatt sie mit unseren Produkten zuzuschütten, die ihre Märkte zerstören.“
Auch das Handelsabkommen zwischen der EU und Marokko, das inzwischen vom Europäischen Gerichtshof gekippt wurde, griff die Europaabgeordnete scharf an. „Der Vertrag schließt das von Marokko besetzte Gebiet der Westsahara ein. Das ist illegal. Marokko darf sein Handelsgebiet nicht einfach auf das unrechtmäßig besetzte Gebiet ausdehnen. Und zum ersten Mal hat eine Europäische Institution diese Einschätzung bestätigt“, lobte das Mitglied des Agrarausschusses, kritisierte in diesem Zusammenhang aber massiv die „Doppelzüngigkeit der EU“: „Russland wird wegen der Annektierung der Krim mit einem Handelsembargo belegt, während man gleichzeitig mit Marokko Handelsabkommen anstrebt.“
„Es sind auch bayerische Politiker, die in Brüssel mitentscheiden. Deshalb geht auf Eure Mandatsträger zu, benennt die Schwachstellen und verändert die Machtstrukturen mit Eurem Wahlverhalten“, rief Lutz Ribbe den Zuhörern zu und vergegenwärtigte, dass die Energiewende oder die Skepsis gegenüber Fracking nicht auf die Vernunft der Politiker, sondern vielmehr auf den Druck der Zivilgesellschaft zurückzuführen sei. Hart ins Gericht ging der Experte mit der deutschen Agrarpolitik. Sie sei ursächlich für die katastrophale Situation der Milchbauern: „Mit ihrer Preis- und Subventionspolitik drängen Landwirtschaftsministerium und Deutscher Bauernverband vor allem die Kleinbauern in die Existenznot und forcieren die Umweltvernichtung“, tadelte Ribbe. Die aktuelle Subventionspolitik helfe ausschließlich den Betrieben, die sich an der Industrialisierung der Milchproduktion orientierten, beklagte er: „Der Teufel sch… auf den größten Haufen. Der Großteil der Agrarsubventionen geht an Großbetriebe, die es eh schon haben. Rund 50 Prozent der Bauern in Deutschland bekommen Subventionen, die gerade einmal dem Hartz-IV-Satz entsprechen, oft ist es sogar noch wesentlich weniger“, beanstandete der Agrarexperte. Die Richtungsweisung aus Brüssel, die Agrarpolitik grüner und gerechter, klima- und umweltfreundlicher zu gestalten, mehr Geld bereitzustellen für Agrarprogramme sowie für Leistungen, die die Landwirte für die Gesellschaft erbringen, die aber nicht über den Preis abgegolten werden können, sei insbesondere vom Bauernverband „torpediert“ worden. „Der DBV ist eingekapselt, schießt nur noch um sich. Ein gesellschaftlicher Dialog ist nicht mehr möglich. Dabei ist es gerade jetzt so wichtig, die Zeichen der Zeit zu erkennen“, gab der Agrarexperte zu bedenken.
Denn auf die Landwirte würden schwere Zeiten zukommen, kündigte Rille an. „In Brüssel wird die nächste Finanzperiode vorbereitet. Durch den Ausstieg Großbritanniens aus der EU stehen jährlich rund elf Milliarden Euro weniger zur Verfügung und Jean-Claude Juncker, der als Kommissions-Präsident große Macht angehäuft hat, gibt Projekten den Vorzug, die Wachstum und Beschäftigung fördern. Außerdem kommen neue Aufgaben auf die EU-Finanzpolitik zu, beispielweise hinsichtlich der Flüchtlingsintegration oder der Verteidigung. Das könnte zu gewaltigen Einbußen bei den Agrarsubventionen führen“, prophzeite er.
Maria Noichl sprach in diesem Zusammenhang das Greening an, im Zuge dessen die Europäische Kommission ab 2018 den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf ökologischen Vorrangflächen verbietet. „Pestizide und ökologische Vorrangflächen sind nicht vereinbar und stehen im krassen Gegensatz zu den ökologischen Zielsetzungen. Ökologische Vorrangflächen sind auch kein Instrument zur Förderung der Eiweißpflanzenproduktion wie Soja, Ackerbohnen oder Körnererbsen“, mahnte die SPD-Politikerin.
„Kein Beruf kann überleben, wenn er sich nicht den Veränderungen anpasst. Das gilt auch für die Landwirtschaft“, machte Lutz Rille deutlich. Die Produktion von hochwertigen Nahrungsmitteln stelle nur noch einen Teil der Einnahmen dar; weitere müssten über den so genannten zweiten Markt beispielsweise durch Biodiversität, Gewässerschutz oder Humuswirtschaft generiert werden. Das Resümee der beiden Referenten: „Wir müssen alle daran arbeiten, den Bauern die Angst zu nehmen. Veränderungen sind Chancen, nicht der Untergang. Landwirtschaftliche Leistungen sollten honoriert, nicht subventioniert werden.“ mia

Fahrt nach Berlin

Schon zum 7. Mal fand unter diesem Motto eine Großdemonstration während der „Grünen Woche“ in Berlin statt.
18.000 Landwirte, Imker, Umweltschützer und Tierschützer und viele vor allem junge Verbraucher haben gemeinsam für eine ökologischere, ressourcenschonende, sozialverträgliche und tierschonende Landwirtschaft demonstriert.

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Auch aus den Landkreisen Traunstein, Berchtesgaden und Miesbach hat sich ein Bus auf den Weg gemacht. Die Fahrt hatte der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) Traunstein und Berchtesgadener Land (dessen Mitglieder auch noch das Milchsymposium in Berlin besucht haben), das Agrarbündnis BGL/TS und der Bund Naturschutz Traunstein organisiert.
Das Treffen wurde auch zu einem intensiven Meinungsaustausch über die Probleme genutzt, die den Landwirten bei ihrer täglichen Arbeit unter den Nägeln brennen.
„Unsere Landwirte haben es verdient, für gesunde Lebensmittel, die naturverträglich und ressourcenschonend produziert werden, einen fairen und kostendeckenden Preis zu bekommen“, gab der Sprecher des Agrarbündnisses Leonhard Strasser als einen Grund für die gemeinsame Fahrt nach Berlin an. Sepp Hubert und Liesi Aschauer vom BDM geht es um das Überleben der Milchviehbetriebe: „Ein Grundsatz der Betriebswirtschaft ist die an eine Nachfrage angepasste Produktion, um den Preis halten zu können. Ein Mindestlohn und ein kalkulierbares Einkommen sind dabei selbstverständlich. Das muss auch für die Milchbauern gelten, egal ob konventionell oder biologisch!“
Der Demeterbauer Alois Hainz aus Obing fordert die Bauern zum Einsatz von Futtermitteln aus dem eignen Hof auf. „Nur mit einem regionalen Nährstoffkreislauf kann grundwasserschonend und bodenschonend produziert werden.“
Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz Traunstein fährt ebenfalls seit Jahren mit Mitgliedern ihrer Kreisgruppe zur Demo nach Berlin. „Wir müssen unsere Natur und unsere Lebensgrundlagen schützen und sind zudem auf die Produktion gesunder, regionaler Lebensmittel angewiesen. Auch für die Anpassung unserer Wälder an den Klimawandel brauchen wir alle noch produzierenden Landwirte. Wir haben noch eine kleinteilige Landwirtschaft mit Grünland, Biotopstrukturen, Streuobstwiesen und auch Artenreichtum im Wald und müssen uns für den Erhalt dieses „Schatzes“ einsetzen. Dafür brauchen die Landwirte nicht nur dringend eine grundlegende Veränderung in der Agrarpolitik, sondern auch die Unterstützung der Verbraucher“.
Alle Teilnehmer waren sich einig, dass auch diese gemeinsame Fahrt viel zum gegenseitigen Verständnis beigetragen hat. Das ist Leonhard Strasser wichtig: „Es ist ein Anliegen des Agrarbündnisses, dass die Verbraucher und die Landwirte in unserer Region gemeinsam unsere Form der Landwirtschaft und damit unsere Landschaft erhalten und ihrer Verantwortung für die nachfolgenden Generationen gerecht werden.“

Jahresrückblick 2016

Adlgaß. (al) Das in 2011 gegründete „Agrarbündnis BGL/Traunstein“, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Erzeuger von landwirtschaftlichen Produkten und Verbraucher in der Region einander näherzubringen und gemeinsam für den Erhalt einer bäuerlichen, naturverträglichen Landwirtschaft zu arbeiten. Inzwischen haben sich 15 Organisationen, die ebenfalls dieses Ziel verfolgen, in einem losen Verbund dem Bündnis angeschlossen um bei verschiedenen Angelegenheiten und Aktionen zusammen aufzutreten und ihre Meinungen und Lösungen zu Problemen darzulegen. Dabei haben sich, außer in erster Linie landwirtschaftlichen Organisationen, wie die ABL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, oder der BDM (Bund Deutscher Michviehhalter) auch Organisationen, wie attac Rupertiwinkel, Regionalvermarkter, Bund Naturschutz und Imker angeschlossen, die sich nicht unmittelbar mit der Landwirtschaft beschäftigen.
Um einen Eindruck von seiner Arbeit und Zielen zu vermitteln hat das Agrarbündnis einen Film mit dem Titel; „Weiloisirgendwiazamhängd“ gedreht, der inzwischen auch in Kinos gezeigt und zu einem richtigen „Hit“ geworden ist. Darin zeigen Amateurdarsteller aus dem Bündnis bei einer Tour durch die beiden Landkreise Probleme der Landwirtschaft und praktikable Lösungen dafür auf und erinnern, getreu dem Titel, dass nicht nur die regionale Landwirtschaft von hierzulande getroffenen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entscheidungen betroffen ist, sondern diese weitreichenden Einfluss haben und sich Weltweit bemerkbar machen.
Neulich haben Mitglieder des Bündnisses und der damit assoziierten Organisationen im Gasthaus Forsthaus Adlgaß bei Inzell in einer Rückschau auf das vergangene Jahr gehalten und eine Bilanz über die Arbeit und Aktionen des Bündnisses gezogen. Die Zusammenkunft war aber auch dazu bestimmt, in einem gemütlichen und unterhaltsamen Rahmen dem Bündnis Angehörige einander näher zu bringen und weitere Termine, Ziele und gemeinsame Aktionen zu planen.
In seiner Rückschau zählte der Sprecher des Bündnisses, Leonhard Strasser, nicht weniger als 53 Einzelposten auf, also über das Jahr verteilt etwa einen pro Woche. Dabei wurden 20 Filmvorführungen von der Fürmannalm bis Trostberg und Bad Feilnbach, bei denen Mitglieder des Bündnisses für Besprechungen und Diskussionen zugegen waren erwähnt. Daneben organisierte das Bündnis auch viele Vorträge und Veranstaltungen selbst, wie jene mit Prof. Dr. Alois Heißenhuber, Kahtrin Hartmann und Hermann Pennwieser über landwirtschaftliche Belange. Zudem wurde an Aktionen gegen CETA und TTIP in der Region und in München, sowie an der Demo; „Wir haben es satt“ in Berlin teilgenommen.
Besonders erfreut zeigten sich die Bündnismitglieder über die fünf Vorführungen ihres Films, mit mehr als 1300 SchülerInnen als Zuschauern in der Berufsschule Traunstein. Natürlich ergebe sich daraus zusätzlich ein Multiplikationseffekt, durch denen die Visionen des Bündnisses noch weitere Bekanntheit erreicht und viele Menschen zum Nachdenken und Handeln anregt. Zudem freuten sich die Bündnismitglieder durch die Vorführungen die Projekte der Berufsschule unterstützt zu können, da sie dieselben Ziele verfolgen wie das Agrarbündnis.
Der Jahresrückblick wurde also nicht nur eine Erfolgsveranstaltung für das Agrarbündnis BGL/Traunstein selbst, sondern, wie sich bei der Rück- und Vorschau und durch die Zusammenarbeit der Organisationen zeigte, könnten, getreu dem Titel des Films; „Weiloisirgendwiazamhängd“ in Zukunft noch weiter reichende Wirkungen und Erfolge erzielt werden.

Ideen für eine nachhaltige Landwirtschaft

Weibhausen. (al) Leonhard Strasser, Sprecher des Agrarbündnisses BGL / Traunstein konnte neulich im Gasthaus Gruber Weibhausen mit dem seit 2013 emeritierten Prof. Dr. Alois Heißenhuber einen hochkarätigen Referenten begrüßen zu einem Vortrag und einer Diskussion über Wege in eine nachhaltige Landwirtschaft. Neben dem Referenten wurden auch mehrere mit Landwirtschaft und Umwelt beschäftigte Personen aus der näheren Umgebung begrüßt, wie der Leiter des Landwirtschaftsamtes Traunstein, Alfons Leitenbacher, die Sprecherin der Ökomodellregion Waging, Marlene Berger-Stöckl, der frühere Leiter der ANL (Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege), Dr. Josef Heringer, die Sprecherin von attac Rupertiwinkel, Agnes Thanbichler und die Vorsitzenden des BDM (Bund Deutscher Milchviehhalter e. V.) für die Kreise BGL, Liesi Aschauer und Traunstein, Sepp Hubert. Straßer zeigte sich auch erfreut über die vielen weiteren Besucher, die den Saal des Wirtshauses komplett füllten und meinte, dies zeige das große Interesse an einer nachhaltigen, naturgerechten Landwirtschaft.
In seiner Vorstellung und Einführung in das Referat sagte Straßer, seiner Meinung nach gebe es in der Landwirtschaft gegenwärtig eine ungerechte Förderung, die alleine die Fläche berücksichtige, nicht aber wie nachhaltig und naturgerecht diese sei. Deshalb sei er froh mit Prof. Dr. Heißenhuber, von der TU München Weihenstephan eine Koryphäe im Wissen um eine bessere Form der Landwirtschaft zu diesem Vortrag betitelt; „Visionen und Lösungsansätze für eine bäuerliche Landwirtschaft“ begrüßen zu können.
Dr. Heißenhuber begann seinen Vortrag mit der Feststellung, er teile die Landwirtschaft, ihre Bedürfnisse und Auswirkungen in mehrere Kategorien, wie Bodenbeschaffenheit, Wasserbedarf, Biodiversität, oder klimatische Bedingungen. Diese Dinge und weitere müssten in eine Bewertung mit einbezogen und ihre Effekte geprüft werden. Als Beispiel nannte Heißenhuber den Wechsel im landwirtschaftlichen Anbau von Getreide in unserer Gegend. In den 1950 Jahren seien hier vor allem Gerste, Kartoffel, Klee, und Weizen angebaut worden. Dies sei zwar in nicht geringem Maße der Not nach dem Krieg geschuldet gewesen, als Menschen und Tiere Lebensmittel und Futter zwangsläufig aus der Region beziehen mussten. In den 70-er Jahren, als die Landwirtschaft zunehmend kommerzialisiert wurde, wechselte der Anbau zu, vor Allem, Weizen, Mais und Gerste und von den 90-Jahren bis heute zu Mais und Weizen. Dieser Wechsel zu Monokulturen lauge auf Dauer den Boden aus. Zudem würden sich dadurch die Probleme „aufschaukeln“ und immer größer werden. Als Auswüchse davon zitierte Heißenhuber die große Dürre in den 30-er Jahren in Süddakota (USA). Damals war über viele Jahre nur Mais angebaut worden und die dadurch entstehende Bodenerosion habe die Bauern regelrecht von ihrem Land vertrieben. Sie endeten ab als Flüchtlinge im eigenen Land und mussten zumeist nach Kaliforniern ziehen, um dort als unterbezahlte „Fruitpickers“, Früchtepflücker, ihr Leben zu fristen, wie in John Steinbecks Roman; „Die Früchte des Zorns“ beschrieben. Steinbeck habe darin aber nur die sozialen Auswirkungen der Bodenerosion, nicht aber die ökologischen veranschaulicht, sagte Heißenhuber. Es gebe auch bei uns jetzt Parallelen dazu, wie ein großer Staubsturm vor einigen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern zeigte, durch den auf einer Autobahn zwischen Rostock und Hamburg viele Unfälle verursacht worden seien. Ein Problem bei dieser auf Größe ausgerichteten, industriellen Landwirtschaft spielten auch Investoren, die Land aufkauften und sie dann nur dem erwirtschafteten Profit gemäß beurteilten.
Die Ursachen für diese Entwicklungen lägen zum Einen in den technischen, die es durch immer größere Erntemaschinen ermöglichten diese Monokulturen zu bewirtschaften und in der Politik, die dies fördere. Vielmehr sollte eine Landwirtschaft angestrebt werden, die alle Gegebenheiten für den Ackerbau, die Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit, die Eignung des Bodens für bestimmte Getreidesorten, deren Nährstoffverbrauch sowie die Möglichkeiten der Bodenregenerierung in Betracht ziehe. Nicht hilfreich seien dabei Dinge wie die Gentechnik, meinte Heißenhuber, denn diese fördere, neben anderen Auswirkungen, die Verwendung von Pestiziden und Herbiziden, die zum Einen die Biodiversität zerstörten und zum Anderen die Resistenz gegen diese Mittel erhöhten, sodass immer mehr davon erforderlich wären. Dadurch würde auch die Abhängigkeit der Bauern von einigen wenigen großen Chemiekonzernen immer eklatanter. Nebenbei würden auch für die Bestäubung notwendige Insekten, wie Bienen, durch die Gentechnik und ihre Folgen schwer beeinträchtigt.
Ein weiteres Problem kreiere die industrielle Landwirtschaft durch die auf Export orientierte Massentierhaltung, sagte Dr. Heißenhuber. Das dabei erzeugte Fleisch werde billig verramscht oder exportiert und die Abfälle, wie Gülle, blieben hier. Diese Gülle werde dann großenteils auf Felder und Weisen ausgebracht und verseuche das Grundwasser. Zudem sei erwiesen, dass zu viel Gülle und die damit einhergehende Nitratbelastung Böden weniger fruchtbar machten, den Ertrag verminderten und somit genau das Gegenteil verursachten, für das sie ursprünglich verwendet würden.
Dr. Heißenhuber forderte deshalb von der Politik ein Umdenken, das er übrigens auch von Bauern und Verbrauchern forderte und eine Konzentration auf eine kleiner strukturierte, die Bodengegebenheiten und die Natur berücksichtigende Landwirtschaft. Dazu brauche es eine Abkehr von der Flächenförderung, hin zu einer Förderung, welche die oben genannten Kriterien als Prioritäten anerkenne. Deshalb müssten die verschiedenen Bedingungen für die Landwirtschaft und wie der einzelne Bauer wirtschaftet in die Höhe der Förderungen mit einbezogen werden. Bauern sollten für mit ihren Produkten erbrachte Leistungen bezahlt werden, nicht mit einer an Flächen gebundenen Prämie. Durch eine solche, nicht auf Überproduktion und Export orientierte Landwirtschaft könnten schlussendlich Förderungen vermindert, oder ganz eingestellt werden, meinte Heißenhuber. Diese Orientierung wäre auch gut für Bauern und Verbraucher, denn sie würde regionale Strukturen stärken und zu einer in der Region gesicherten Versorgung mit wesentlichen Lebensmitteln sorgen. Um eine solche Landwirtschaft zu erreichen müssten aber auch Verbraucher überzeugt und eingebunden werden, meinte Heißenhuber. „Wir können nur auf Probleme hinweisen und sie aufzeigen, aber die Umsetzung von Lösungen ist oft schwierig“, meinte Dr. Heißenhuber abschließend.
Leonhard Strasser fügte hinzu, er hoffe, dieser Vortrag würde Bauern zum Selbst-Nachdenken anregen und zu einem gegenseitigen Anspornen zwischen Bauern und Verbrauchern, hin zu einer naturgerechten Landwirtschaft führen.
In der Diskussion wurde bemängelt, Politik und einige Verbände hätten bisher dazu angeregt, immer größere Ställe zu bauen und mehr zu produzieren. Auszeichnungen seien an jene verliehen worden, die am meisten Produzierten und nicht jene, die naturgerecht arbeiteten. Es sei aber nicht angebracht nur auf Bauern zu schimpfen, sondern es müssten die hinter der gegenwärtigen Landwirtschaft stehende Philosophie, Strukturen und politischen Gegebenheiten angeprangert werden. Bemängelt wurde auch die eng begrenzte, oft interessenorientierte landwirtschaftliche Forschung und die damit zusammenhängende Ausbildung und Beratung von Bauern.
Das Verbleiben und untereinander Diskutieren nach der Verabschiedung durch Leonhard Straßer zeigte der Vortrag hatte seine Wirkung auf die Anwesenden nicht verfehlt.

Der Sprecher des Agrarbündnisses BGL / Traunstein, Leonhard Straße (r.) bedankte sich mit einer Brotzeitplatte aus der Region bei Prof. Dr. Heißenhuber für dessen interessanten Vortrag.						Foto: Alois Albrecht

Der Sprecher des Agrarbündnisses BGL / Traunstein, Leonhard Strasser bedankte sich mit einer Brotzeitplatte aus der Region bei Prof. Dr. Heißenhuber für dessen interessanten Vortrag.Foto: Alois Albrecht

Zukunftswald im Seebadholz

Unser Bündnispartner der Ökologische Jagdverein lud zu einen Waldbegang am Abtsdorfer See ein.

Zeitgemäße Jagd lässt den Wald wachsen – Ökologischer Jagdverein unterwegs mit Sepp Ratzesberger

Von Hannes Höfer

Laufen. Seinerzeit habe er gelernt, Tannenverjüngung sei eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, erzählte ein Forstmann jenseits der 50. Dass dies aber auch ganz von selber geht, zeigt das Revier von Sepp Ratzesberger nahe des Laufener Abtsees. Dort werden die Tannen schon fast zu viel. Der Ökologische Jagdverein Südostbayern hatte eingeladen zu einer Exkursion in einen Wald mit sehr viel Naturverjüngung – und das ganz ohne Zaun.

Die sprichwörtliche Bauernschläue gesteht Sepp Ratzesberger den Bauern durchaus zu, wenn es aber um ihren Wald gehe, seien sie nicht selten „dumm wie die Nacht finster.“ Viele reagierten nicht, pflichtete ihm der Fridolfinger Hans Praxenthaler bei, sie resignierten in der Meinung: „Da wachst eh nix.“ Dabei wachse einem das Holz wahrlich über den Kopf – wenn die Jagd stimme. „Seid’s g’scheid“, appellierte Ratzesberger an die Bauern, „lasst Euch nicht alljährlich mit einem Rehessen abspeisen.“ Diejenigen, die so etwas hören sollten, seien leider nicht dabei, bedauerte einer der gut 20 Teilnehmer.

565 Hektar groß ist das Heiniger Revier, davon rund 100 Hektar Wald, von denen Ratzesberger seit 30 Jahren etwa 50 Hektar bejagt. Trophäenjagd war nie das seine; Einzel- und Sammelansitz sind seine Methoden, um die Anzahl der Rehe und damit den Verbiss von Jungbäumen auf einem erträglichen Maß zu halten. „Rehe sind nicht meine Feinde“ stellte er klar, „ich mag sie.“ Randstreifen an Wiesen und Feldern bieten ihnen hier auch außerhalb des Waldes Äsung. Kitze mit 14, 15 oder gar 16 Kilo sieht Ratzesberger als Bestätigung, dass es drei Sieger dabei gibt: Den Waldbauern, den Jäger und das Reh. Er will keine Zäune, denn ein Zaun bedeute immer „Wald ohne Wild“.

„Lasst Euch von der Natur einstreuen“, warb Ratzesberger für die „Mutter des Waldes“, die Buche, deren Laub einer Versauerung des Bodens entgegenwirke; ein Boden, der so auch die Vermehrung der Gebirgsfichtenblattwespe in Grenzen halte. „Faszinierend“, kommentierte ein Waldbauer aus Raitenhaslach den Anblick der Naturverjüngung, „bei uns passt das seit Jahrzehnten nicht.“ Bloß interessiere das eben nur wenige. Einen Lichtblick gibt es dort gleichwohl: Mit Unterstützung des Burghausener Bürgermeisters, dessen Stadt mit immerhin 20 Prozent einen großen Teil der betreffenden Fläche besitze, habe man seit 1. April 2016 die Eigenjagd durchgebracht.

„Die Jagd gehört uns“, sagte ein Waldbauer zu diesem Thema. Ein gutes Beispiel in der Region: Kay, wo es die Bauern selbst in die Hand genommen hatten. „Die Jagd leistet die Vorarbeit für die Wälder der Zukunft“, meint Ratzesberger, denn die würden vermutlich anders aussehen als heute. „Wir werden einen Teil der Fichte verlieren“, ist er überzeugt. Vielleicht sei das mit der Douglasie zu kompensieren, die bis vor der letzten Eiszeit auch hierzulande heimisch war. 2.300 Stück hat Ratzesberger davon bereits gepflanzt, von denen manche inzwischen gelb werden, was er auf örtliche Bodenverdichtung zurückführt, wohingegen Praxenthaler partiell zu viel Kalk im Boden dafür verantwortlich macht.

Gleich wie: Der Zukunftswald müsse eine Mischung sein aus Fichte, Tanne, Buche, Ahorn und anderen mehr, war man sich am Abtsee einig. Ratzesberger sieht sich und die Seinen auf einem guten Weg, denn die jungen Bauern würden sich nicht mehr so viel gefallen lassen. Das Engagement des Jägers und Naturschützers genießt hohe Akzeptanz. So hat er mitsamt Bauern und Jägern im Revier Heining bereits 1,7 Kilometer Hecken gepflanzt, als Lebensraum, als Wind- und Erosionsschutz. Ratzesberger setzt auf beständige Jäger, die jedoch insgesamt noch dünn gesät seien, wie Stefan Zauner bedauerte. Eine Entwicklung sieht der erste Vorstand des Ökologischen Jagdvereins in Südostbayern unbestritten: „Dort wo der Wildbestand passt, gibt es kaum mehr Wildunfälle“, denn der soziale Stress würde das Wild umtreiben. Und der Forstmann jenseits der 50 gestand bei der abschließenden Brotzeit: „Man hat uns sehr, sehr viel Schmarr’n beigebracht.“