Das Sterben der anderen

Ein Plädoyer für Artenvielfalt
Weibhausen. (al) Leonhard Strasser, Sprecher des Agrarbündnisses BGL / Traunstein, bei dem mehrere, regionale und überregionale Organisationen, wie der AbL, attac, der BUND, der bayerische Bienenzüchterverband und weitere Mitglieder sind, konnte neulich einen prominenten Gast als Sprecherin im Gasthaus Alpenblick in Weibhausen begrüßen. Gekommen war Dr. Tanja Busse, Landwirtschafts- und Ökoexpertin, die vor kurzem ihr neuestes Buch; „Das Sterben der Anderen“, vorgestellt hat. Darin beklagt Busse das Verschwinden von Bienen und Insekten. Es seien aber nicht nur diese, sondern, weil in der Natur Alles mit Allem zusammenhängt, auch viele weitere Arten von Pflanzen und Tieren.
Strasser konnte zum Vortag und der danach folgenden Diskussion, im gut besetzten Saal des Gasthauses, sowohl die Referentin, als auch mehrere Vertreter der dem Agrarbündnis angeschlossenen Organisationen willkommen heißen. Darunter waren Dr. Beate Rutkowski vom BUND Traunstein, Marlene Berger-Stöckl, Projektleiterin der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel, Gertraud Angerpointner und Georg Planthaler von der AbL und Kreisrat und 2. Vorsitzender des BDM im BGL, Albert Aschauer.
In seiner Begrüßung sagte Strasser, der Artenschwund und der Klimawandel werde nicht nur unsere Kinder betreffen, auch wir selbst bekommen schon seine Auswirkungen zu spüren. Er beklagte in seiner Einleitung zur Veranstaltung auch die Unbelehrbarkeit der Menschen, denn schon vor gut 200 Jahren habe Alexander von Humboldt vor den, zu oft negativen, Auswirkungen des Menschen auf die Natur gewarnt.
Dr. Busse begann ihren Vortrag mit der Feststellung, es sei zum größten Teil der Kapitalismus, der die Schäden an der Natur vorantreibe. Wir haben die „billige“ Natur benutzt, um das für den Kapitalismus unbedingt notwendige Wachstum zu bewerkstelligen. Warnungen über diesen verschwenderischen Umgang mit der Natur seien als unwichtig abgetan und einschlägige Forschungsergebnisse als unglaubwürdig dargestellt worden. Für hunderte von Jahren hätten Landwirte, durch ihre Arbeitsweisen, die Biodiversität gefördert. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft habe sich das aber ins Gegenteil gekehrt und trage zum Artensterben bei. Das sei, auch für den Menschen, ein sehr gefährlicher Prozess. Durch das Artensterben, als auch den Klimawandel, werde auf sogenannte „Tippingpoints“, Wendepunkte, zugesteuert, durch die Natursysteme unumkehrbar verändert würden und deren Resultate unvorhersehbar seien. Sicher sei aber, diese Resultate würden natürliche Prozesse zunichtemachen und hätten für Natur und Mensch negative Auswirkungen.
Um das zu verhindern seien große, vielfältige Biosysteme notwendig, denn diese seien weit widerstandsfähiger als monotone kleine. Als Beispiel nannte Busse die Ostsee. Dieses verhältnismäßig kleine Binnenmeer habe nur einen beschränkten Zugang zum Atlantik und sei deshalb anfällig für Systemveränderungen. Durch Bakterien, zu große Mengen an Stickstoffen, Überfischung und Überdüngung an ihren Ufern gebe es dort schon regelrechte „Todeszonen“. Auch in, durch Flussbegradigungen verlorengegangenen Auen habe die Biodiversität gelitten und die Natur dort sei nur noch eine „Kulisse“.
Viel zu lange habe die Politik diese Zustände ignoriert und später selbst gesetzte Ziele zur Richtigstellung nicht eingehalten. Das mache die Politik auch in anderer Hinsicht unglaubwürdig.
Als noch mögliche Lösungen sei es wichtig, vor Allem junge Menschen auf die Zustände aufmerksam zu machen und sie für die Umkehr dieser Zustände mitzunehmen. Wir müssen zudem Gebiete schaffen, in denen sich die Natur wieder erholen und regenerieren kann, sagte Busse. Leute, wie Bauern, Naturschützer und NGO´s (Non-Government-Organisations) müssten zusammengeführt werden und gemeinsam für eine Verbesserung unserer Systeme, statt gegeneinander, arbeiten. Wichtig sei auch eine Veränderung der Politik, weg von der Förderung industrieller Landwirtschaft, hin zu einer Klima- und Ernährungsfeundlichen. Regionale Wirtschaftskreise müssten gefördert werden, denn durch kurze Lieferwege und der Region angepasste Pflanzen und Gemüsearten würde die Ernährung gesünder und vielfältiger. Dies würde in der Landwirtschaft zudem größere Vielfalt, statt Monokulturen mit sich bringen. „Wo Politik versagt, müssen Menschen das Heft selbst in die Hand nehmen“, sagte Busse abschließend.
In der dem Vortrag folgenden Diskussion meldete sich zuerst der Vertreter der AbL, Georg Planthaler zu Wort und sagte; gegenwärtig würden von der Politik für klimafreundliche Projekte zweieinhalb Milliarden Euro bereitgestellt, aber 50 Milliarden für klimaschädliche. Mehrere der Diskussionsteilnehmer verlangten die Bildung lokaler Arbeitsgruppen, die auf lokalen Ebenen für Klima- und Artenfreundliche Projekte arbeiteten. Beate Rutkowski vom BUND meinte, es würden viele Studien gemacht, aber es folgten von amtlicher und politischer Seite keine den Studien entsprechenden Aktionen. „Wir müssen Dinge hinterfragen und feststellen welche Resultate zu erwarten sind“. Die Antwort von Busse war, es sei oft schwierig diesbezüglich Ziele zu erreichen, denn selbst bei Gerichtsverhandlungen sei es oft ein Kampf von David gegen Goliath, hinsichtlich der finanziellen Mittel, die großen Organisationen zur Verfügung stünden. Ein Punkt in der Diskussion war auch wie wichtig es sei, in Schulen schon bei Kindern das Bewusstsein für Natur und Klima zu wecken. Insbesondere Landwirtschaftsschulen sollten aufhören, die industrielle Landwirtschaft als das Nonplusultra zu erklären und eine naturnahe, klimafreundliche Landwirtschaft propagieren, die ohne Pestizide und andere naturschädliche Substanzen betrieben wird. Es sei eigentlich überraschend meinte ein Diskussionsteilnehmer, die Politik beschließe lediglich „Naturschutzpäckchen“ und trotzdem gebe es Proteste von Bauern. Diese sollten vielmehr eine bessere und gerechtere Verteilung von Mitteln fordern, die statt nach Fläche, für Natur- und Tierschutzmaßnahmen berechnet würden. Ein Schritt in die richtige Richtung sei der Beschluss des Kreisrates im BGL, Flächen im Besitz des Landkreises in Zukunft biologisch zu bewirtschaften, meinte Kreisrat Albert Aschauer. Insgesamt wurde in der Diskussion das offensichtliche, durch ihr Nicht-Erscheinen belegte Desinteresse von Politik und Institutionen kritisiert. „Wir brauchen eine solidarische Landwirtschaft und müssen die Politik vor uns hertreiben“, meinte Busse abschließend.
Agrarbündnissprecher Leonhard Strasser bedankte sich noch herzlich bei Dr. Busse für ihren und anregenden Vortrag und bei Allen für ihre rege Teilnahme an der Diskussionsrunde.

Tanja Busse wurde 1970 geboren, studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien („Weltuntergang als Erlebnis“). Sie schrieb wichtige Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft in der ZEIT, für das Greenpeace-Magazin und für utopia.de. Ihr Buch „Die Einkaufsrevolution“ (Blessing, 2006) wurde ein Longseller. Auch „Die Ernährungsdiktatur“ (Blessing 2010) erlangte hohe Resonanz. 2015 erschien bei Blessing ihr viel diskutiertes Buch „Die Wegwerfkuh“. 2009 erhielt sie die Reiner Reineccius-Medaille für Querdenker und Pioniere der Stadt Steinheim, 2017 den Salus-Medienpreis und 2018 den Wertewandel-Preis

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