Mercosur und die neue Gentechnik

 

Prof. Antonio Andrioli, Brasilien

über

Mercosur und die neue Gentechnik

MERCOSUR – EU Handelsabkommen und Gentechnik zerpflückt
Teisendorf. (al) Kein gutes Haar ließ Prof. Antonio Andrioli, bei seinem Abend in der Alten Post in Teisendorf neulich, weder an der Agro-Gentechnik, noch am Handelsabkommen zwischen der EU und den MERCOSUR Staaten in Südamerika. Eingeladen worden war Prof. Andrioli vom Agrarbündnis BGL/TS und der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerlichen Landwirtschaft e.V.), sowie der FITTT (Friedensinitiative Traunstein-Traunreut-Trostberg). Im vollen Saal der Alten Post wurde Prof. Andrioli und die Gäste vom Sprecher des Agrarbündnisses, Leonhard Strasser und dem Sprecher der AbL für die Region Chiemgau-Inn-Salzach, Georg Planthaler begrüßt.
In seinem Vortrag ging Prof. Andrioli zuerst auf die Verhältnisse in seinem Heimatland, Brasilien, in Bezug auf die dort weit verbreitete Agro-Gentechnik und die Zerstörung des Regenwaldes ein. Der Regenwald würde, vor Allem durch Feuerrodung, weitläufig zunichte gemacht, um Platz für riesige Soja- und Zuckerrohrplantagen, sowie Viehzucht zu schaffen, beteuerte Prof. Andrioli. Das Land sei zudem extrem ungleich verteilt zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern. Durch die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro und ihre Missachtung von Menschenrechten, besonders der indigenen Bevölkerung, habe sich die Lage noch verschlimmert, sagte Prof. Andrioli. Zudem werde die Landwirtschaft durch den Einsatz von Agro-Gentechnik und Pestizide zerstört. Dazu trügen auch deutsche Chemieriesen wie Bayer, zusammen mit seiner amerikanischen Tochterfirma Monsanto, sowie BASF bei. Die Lage sei desaströs, beteuerte der brasilianische Wissenschaftler. Das Handelsabkommen zwischen der EU und den MERCOSUR Staaten, Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ziele vordergründig auf einen sogenannten „Freien Handel“ zwischen der EU und diesen Staaten ab. Weil jedoch diese Staaten vorrangig nur landwirtschaftliche Produkte zu exportieren imstande sind, bedeute das eine weitere Verschärfung der Situation in Bezug auf den Regenwald, Landraub von Indigenen und Kleinbauern, sowie den Gebrauch von Chemikalien. Der Anbau von Soja und Zuckerrohr auf riesigen Plantagen werde weiter vorangetrieben. Von Seiten der EU kämen dagegen industrielle Produkte, wie Autos, Maschinen und noch mehr Chemikalien in diese Länder.
Um seine Behauptungen zu veranschaulichen zitierte Prof. Andrioli mit einigen Nummern den Stand der Dinge. Laut der staatlichen brasilianischen Landbehörde INCRA gebe es 64 Mio. ha. landwirtschaftlich bewirtschaftetes Land. 35 Mio. ha. (Etwa 54%) davon werden für Soja Anbau verwendet. Dabei werden 46 % dieser Fläche von 1 % der landwirtschaftlichen Betriebe bearbeitet und 47 % des gesamten Pestizid Einsatzes in Brasilien werde beim Sojaanbau verwendet. Nur 2 % der Flächen gehören Kleinbauern mit einem Grundbesitz von weniger als 10 ha. Bei den Agrarexporten habe Brasilien einen Überschuss von 25,4 Mrd. US$ erwirtschaftet.
Wie wenig der Einsatz von Gensoja bringe, zeigte Prof. Andrioli mit dem Ertragszuwachs. Für 15 Jahre vor der Zulassung von Gensoja (1987 – 2002) sei der Ertrag jährlich um 2,8 % gestiegen. In den 15 Jahren seit der Zulassung (2003 – 2017) aber nur um 1,1 %. Dabei sei während dieser Zeit aber viel neuer, unverbrauchter Boden, mit angeblich angepassten, allerdings nicht nachhaltigen Sorten, bebaut worden.
Neben einigen anderen Faktoren, werde die Sojaproduktion und auch die ebenso Pestizid verwendende Zuckerrohrproduktion durch das EU – MERCOSUR Abkommen noch zunehmen, meinte der Professor. Wie schädlich diese Pestizidverwendung für den Menschen, die Schäden für die Natur ausgeklammert, ist verdeutlichen die darauf zurückzuführenden Erkrankungen und Sterbefälle. In den 10 Jahren, zwischen 2007 und 2017 habe es 41612 registrierte, auf Pestizide zurückzuführende Vergiftungen gegeben. 514 Babies unter einem Jahr, seien offiziell als vergiftet gemeldet worden. Dabei sei zu beachten, sagte der Professor, wegen der schlechten staatlichen Infrastruktur, würde nur einer von 50 Fällen registriert. Es seien in Wirklichkeit etwa 2 Mio Erwachsene und fast 26000 Babies betroffen gewesen. Zwischen 2007 und 2014 habe es zudem 1186 offiziell registrierte Todesfälle gegeben.
Mit einem Jahresverbrauch von 1 Mrd. kg sei Brasilien ohnehin der weltgrößte Verbraucher von Pestiziden, behauptete Prof. Andrioli. Von den, in Brasilien noch verwendeten Pestiziden seien Acephat, Parayuat und Atrazin in der EU komplett verboten. Auch die Rückstände in Boden und Wasser gingen weit über EU Grenzwerte hinaus. Beim Insektizid Melathion 400 Mal, 2,4D 300 Mal und bei Glyphosat 4000 Mal. Während den Amtszeiten von Bolsonaro und seinem Vorgänger Temer habe der Pestizideinsatz um das 3 ½ – fache zugenommen.
Widerlegt wurden vom Professor auch Dogmen der Gentechnik-Konzerne, wie jener, Gentechnik sei zielgerichtet, oder die Gentechnik neuester Generation habe eine genaue Wirkung und Kontamination durch Bakterien sei unmöglich. All diese Behauptungen seien wissenschaftlich falsch, sagte Prof. Andrioli. Auch bei der sogenannten neuen Gentechnik könnten Gene nicht zuverlässig an einem bestimmten Platz eingebaut werden. Die natürliche Genregulierung sei Netzwerkartig und die Wirkungsweise sei Positionsabhängig. Zudem hätten Gene nicht unbedingt nur eine Wirkung. Als Beispiel nannte Andrioli, der Mensch habe etwa 30000 Gene, die aber mehr als 200000 Eiweiße kodierten.
Zum Thema Handelsabkommen MERCOSUR – EU sagte Prof. Andrioli, dieses würde zwar zweifelsohne einigen Großkonzernen weitere Profite bringen, der Bevölkerung beider Seiten aber noch mehr Ungleichheit und soziale Probleme. Schon aus einem Vergleich der Statistiken von Population und Produktion sei das zu ersehen. Die EU sei industriegeprägt, habe 500 Mil. Einwohner und ein BIP (Bruttoinlandsprodukt) von 16 Bil. €. MERCOSUR sei dagegen agrargeprägt, habe 270 Mil. Einwohner und ein BIP von 3 Bil. €. Die Verhältnisse seien also von Anbeginn zugunsten der EU geneigt. Aus den MERCOSUR Staaten könnten überwiegend nur landwirtschaftliche Produkte, wie noch mehr Soja, Palmöl, Fleisch und Zucker importiert werden. Wer aber brauche noch mehr Soja, Fleisch und Zucker in der EU, fragte Prof. Andrioli. Zudem bedeute es weitere Umweltschäden durch Urwaldrodung in Brasilien und lange Transportwege von 10000 km. Nicht einmal Bio-Fleisch, könnte, schon wegen der beim Transport auf riesigen Containerschiffen entstandenen Luftverschmutzung, als solches bezeichnet werden. Der durch den billigen Import entstandene Druck auf die Bauern würde hierzulande insbesondere noch mehr Kleinbauern in den Ruin treiben. Viel besser wäre es doch, endlich eine Wirtschaft zu entwickeln, die auf regionale Produkte baue und sich nicht von ein paar Großkonzernen abhängig machen lasse. Der Vertrag habe zudem keine wirksamen Mechanismen, zur Durchsetzung von Sozial- und Umweltstandards und würden Regierungen sich ohnehin daran halten.
Das war auch der Tenor bei der dem Vortrag folgenden Diskussion. „Wir brauchen nicht noch mehr Scheiß aus diesen Ländern“, sagte einer der Teilnehmer. Ein anderer fragte, ob unsere Politiker und Wirtschaftsbosse wirklich so blöd seien und nicht sehen könnten, oder wollten, welchen Schaden sie sowohl hier wie dort mit ihren unsinnigen Verträgen anrichteten. Eine Feststellung meinte auch, es gehöre ein komplett anderes System von Politik und Wirtschaft her, das Menschen und Natur in den Mittelpunkt stelle, statt kurzfristigen Profit, Schaden für die Umwelt und monetären Reichtum für Wenige. Ein Zitat des britischen Ökonomen John Meynard Keynes könnte zum Inhalt der Diskussion gebraucht werden; „Kapitalismus ist, wenn die schlechtesten Menschen die schlimmsten Dinge tun und behaupten, das sei zum Nutzen der Allgemeinheit“.
Abschließend zum Abend bedankten sich sowohl Leonhard Strasser, als auch Georg Planthaler für den sehr aufschlussreichen Vortrag, als auch die Diskussion, in der kein Blatt vor den Mund genommen worden war und wünschten noch mehr Leute würden sich Vorträge wie jenen von Prof. Andrioli anhören. Vor allem Politiker aller Parteien sollten sich dazu aufraffen.

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