Das Ende der Fahnenstange erreicht

Teisendorf. (al) Wachstum, Wachstum, Wachstum, viele Politiker und alle der neoliberalen Ökonomen propagieren es noch immer und lassen dabei unseren endlichen Planeten außer Acht. Trotz dieser Endlichkeit und weil viele Politiker sich von der neoliberalen, kapitalistischen Denkweise haben einlullen lassen, wird produziert was das Zeug hält. Das Resultat ist, zumindest in den Industrieländern und in manchen Wirtschaftssparten horrende Überproduktion und Verschwendung. Diese Überproduktion und Form des Wirtschaftens werde jedoch durch anderweitige, ebenso horrende Armut und Mangel an Lebensnotwendigkeiten konterkariert und erkauft. Als ein heimisches Beispiel wurde die Milchindustrie genannt. Durch Überproduktion sei der Milchpreis so niedrig geworden, dass Milchbauern nicht mehr vom Erlös für ihre Milch leben könnten. Dem übermächtigen Konkurrenzdruck und der Profitgier unterliegen sogar Wirtschaftssparten, die sich „Fairtrade“ auf die Fahnen geschrieben haben, sagt Eine, die es wissen muss; die Unternehmerin Sina Trinkwalder. Trinkwalder studierte Politik und Betriebswirtschaft und arbeitete anschließend als Geschäftsführerin ihrer eigenen Werbeagentur. In 2010 wechselte sie die Seiten und gründete das erste „Social Business“ in Deutschland, in dieser Kleidermanufaktur werden von ehemals arbeitslosen Näherinnen ökosoziale Bekleidung und Accessoires produziert. Als Unternehmerin setzt sie sich für fairen Handel, gute Bedingungen für Arbeiter und ökologische Produktionsweisen ein.

 

Sina Trinkwalder hielt einen mitreißenden Vortrag in der Alten Post in Teisendorf, zum Thema, wie Wirtschaft und Handel Kunden für dumm verkaufen. Foto Albrecht

Auf Einladung des Agrarbündnisses BGL / TS, eine Organisation, die für eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik, hin zu einer sozial gerechten, bäuerlichen, ökologischen und umweltschonenden eintritt, war Sina Trinkwalder neulich für einen Vortrag, mit nachfolgender Diskussion in die „Alte Post“ Teisendorf gekommen. Im bis zum letzten Platz besetzen Saal unterstellte Trinkwalder in ihrem Vortrag Politik und Wirtschaft die anfangs aufgeführten Vorgänge. „Wir befinden uns im Endstadium eines Raubtierkapitalismus, der nicht mehr lange funktionieren und uns bald um die Ohren fliegen wird“, sagt Trinkwalder. „Wir können nicht mehr lange an der Preisschraube drehen und alles immer noch billiger machen“. Bedingt durch Überproduktion versuche der Handel Verbraucher zu ständigem Einkaufen anzuspornen. Um das zu erreichen würden konstant oft völlig unnötige und durch lange Wege von der Produktionsstätte zum Konsumenten sogar umweltschädliche Produkte kreiert. Zudem leide, durch das immer mehr und schneller Produzieren die Qualität der Produkte und die zur Produktion nötige Arbeit müsse unter immer schlechteren Bedingungen geleistet werden, sowohl in Drittländern, als auch bei uns. Als Beispiele für den Verfall einer gerechteren und sozialeren Ökonomie zitierte Trinkwalder die Privatisierung wichtiger, gemeinnütziger Einrichtungen, wie Krankenhäuser, oder sozialen Wohnungsbau, die damit einem Profitdruck unterlägen, der eine Spaltung der Gesellschaft herbeiführe in jene, die sich, dank ihres Reichtums eine Sonderbehandlung leisten könnten und jene, die dadurch in Notlagen gerieten. Ein einprägsamer Satz, bringe das auf den Punkt, meinte Trinkwalder; „Immer, wo ein Mensch mit wenig Arbeit viel Geld verdient, verdient auf der anderen Seite ein Mensch mit viel Arbeit wenig Geld“. Trinkwalder prangerte auch manche Hilfsprojekte für unterentwickelte Länder an, die sogar Schaden anrichten würden. „Was hilft es einem afrikanischen Bauern, wenn durch das Hilfsprojekt sein Land in eine Sonnenblumenplantage verwandelt wird und er deswegen seine Familie nicht mehr mit eigenen Feldfrüchten ernähren kann“.
Sie sei voll für Bioprodukte, sagt Trinkwalder, kritisiere aber, dass die großangelegte Biowirtschaft im selben Schritt und System wachsen wolle wie konventionelle Erzeuger. Das funktioniere nicht; „denn eine gute Idee über ein krankes Wirtschaftssystem zu stülpen, macht nicht das System besser, sondern die Idee kaputt“. Mit Dutzenden von Zertifikaten und Siegeln, für die jeweils verschiedene Kriterien und Bewertungen gelten, würden Konsumenten zudem in die Irre geführt. Auch damit verschandelten Bio-Marken die Wertigkeit ihrer Produkte. Deshalb rufe sie dazu auf, in erster Linie regional und bio einzukaufen, aber nicht bei großen Konzernen, die vor allem an ihren Gewinnmargen interessiert seien und obendrein oft kleine Produzenten platt machten. Waren-, Bio- und Fairtrade Siegel geben dem Konsumenten ein gutes Gefühl, würden aber oft missbraucht und damit werde letztlich der Titel des Buches, das sie zu diesem Thema geschrieben habe; „Fairarscht“ bewahrheitet.
In der dem Vortrag folgenden Diskussion, mit etwa zehn Beiträgen aus dem Saal, wurde zumeist Überraschung ausgedrückt über das von Trinkwalder Beschriebene. Einige hinterfragten das Vorgebrachte, was Trinkwalder aber mit guten, schon im Vortrag erwähnten Argumenten und konkreten Beispielen entkräften konnte. Eine Besucherin sagte, sie sei in Tansania gewesen und habe dort Plantagen besucht, auf denen offensichtlich recht gute Arbeitsbedingungen herrschten. Trinkwalder, antwortete, sie wolle keineswegs die gesamte Bio- und Fairtrade Industrie schlechtreden, sondern lediglich auf Defizite hinweisen, die zweifelsohne häufig bestünden. Deshalb sei es angebracht weitestmöglich Herkunft und Lieferwege zu erkunden und zu verifizieren und auf größtmögliche Offenheit zu pochen. Einer der Diskussionsteilnehmer fragte Trinkwalder, welche Vorgehensweise gegenüber der Politik zu bevorzugen sei, um sie zu dahingehend zu beeinflussen für wirklich faire Verhältnisse beim Handel zu sorgen. Sollte das auf niedriger, oder hoher Ebene geschehen. Trinkwalder antwortete, es sollte immer höchstmöglich geschehen, weil dort die Entscheidungskraft viel größer sei.Der Sprecher des Agrarbündnisses, Leonhard Straßer, dankte der Referentin abschließend für den aufschlussreichen Vortrag mit einen kleinen Geschenk.

Sina Trinkwalder
über ihr Buch
„Fairarscht“
Wie Wirtschaft und Handel die Kunden für dumm verkaufen

Warensiegel für ökologischen Anbau, faire Produktions- und Handelsbedingungen geben ein gutes Gefühl. Doch die größten Umsatzteile kommen auch dort nicht, wo mit Fairness geworben wird, den Erzeugern in der Dritten Welt zu gute. Sina Trinkwalder, eine der profiliertesten und streitbarsten deutschen Unternehmerinnen, spricht Klartext: Wer profitiert am reinen Gewissen? Wie werden Bauern und Handwerker tatsächlich behandelt? Was sind die blutigen Seiten des Gutmenschenbusiness?
Sina Trinkwalder studierte Politik und Betriebswirtschaft in München. Nach erfolgreichem Abbruch arbeitete sie über 10 Jahre als Geschäftsführerin ihrer eigenen Werbeagentur. 2010 wechselte sie die Seiten und gründete das erste textile Social Business in Deutschland: manomama. In dieser Kleidermanufaktur werden von ehemals arbeitslosen Näher/innen innerhalb einer regionalen Wertschöpungskette ökosoziale Bekleidung und Accessoires produziert. Für ihr ökologisches und soziales Engagement wurde Sina Trinkwalder mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.        Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder schaut in ihrem Buch hinter die Kulissen der Warenwelt.

Ich bin nicht nur Vollblutunternehmerin, sondern auch Wirtschaftsaktivistin. Ich vertrete ein anderes Wirtschaftssystem, das wir auch brauchen, denn sonst fliegt uns bald alles um die Ohren. Wir befinden uns im Endstadium eines Raubtierkapitalismus, der nicht mehr lange funktionieren wird. Wir können nicht mehr länger an der Preisschraube drehen und immer mehr Produkte immer noch billiger machen.

Der Handel will vor allem, dass Verbraucher ständig einkaufen. Konventionelle Discounter gaukeln deshalb attraktive Preise vor. Das geht aber voll auf Kosten der Produktqualität, die immer schlechter wird. Auch die Arbeitsbedingungen der Produzenten werden durch den wachsenden Preisdruck immer problematischer, nicht nur bei den Kaffeebauern, auch bei uns.

Ich bin voll für Bioprodukte. Aber ich übe Kritik an der Art und Weise, wie die Biowirtschaft im gleichen System wachsen will wie konventionelle Erzeuger. Damit machen sich Bio-Marken die Wertigkeit ihrer Produkte kaputt.

Beim quantitativen Wachstum sind wir am Ende der Fahnenstange angelangt, jetzt muss ein qualitatives Wachstum stattfinden. In der Folge werden Produkte zwar teurer, dem Kunden bleibt aber letztendlich mehr Geld im Geldbeutel, weil beispielsweise Kleider länger halten.

Deshalb rufe ich dazu auf, in erster Linie regional und bio einzukaufen, aber nicht bei großen Konzernen. Denen geht es vor allem um ihre eigenen Gewinnmargen. Oft machen sie auch kleine Hersteller platt.

Wenn „Bio“ genauso viel kosten würde wie konventionelle Ware, dann würden alle „Bio“ kaufen. In meinem eigenen Laden hat die erste regional ökosozial hergestellte Jeans noch 180 Euro gekostet. Weil die Jeans gut laufen, können wir mehr herstellen und sie nun für 79 Euro verkaufen – mit denselben hohen Standards für Umwelt und Mitarbeiter. Meine Meinung ist, wir bräuchten Strafzölle für konventionelle Produkte. Dann hätten wir auch wieder bessere Arbeitsplätze.

In anderen europäischen Ländern geht die Politik neue Wege, um den Raubbau an Mensch und Natur zu ahnden, warum nicht bei uns?

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