Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl

Das Agrarbündnis BGL/TS veranstaltet zusammen mit den BUND  Naturschutz TS und dem Forum Ökologie TS

eine Podiumsdiskussion zur anstehenden Bundestagswahl

zu den Themen

 KLIMASCHUTZ –  LANDWIRTSCHAFT  – UMWELTSCHUTZ

BUNDESTAGSKANDIDATEN GEFRAGT

am Donnerstag, den 14.09.17, um 19.30 Uhr

im Sailer Keller, Traunstein, Herzog-Wilhelm-Str. 1

Auf dem Podium:

In Vertretung: Tobias Zech, MdB (CSU)

Dr. Bärbel Kofler, MdB (SPD)

Andreas Herden (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Norbert Eberherr (DIE LINKE)

Agnes Thanbichler (ÖDP)

Konrad Baueregger (Bayernpartei)

Alexander Reich (FDP)

Moderation: Axel Effner, Journalist

Filmvorführungen „Weiloisirgendwiazamhängd“

Montag, 25. September 2017                    19.30 Uhr, Pfarrheim St. Severin in Mitterfelden
Donnerstag, 28. September 2017             19.30 Uhr Rathaussaal, Rosenheim
Dienstag 17. Oktober 2017                        19.30 Uhr, Kino Herrsching am Ammersee
Dienstag, 24. Oktober 2017                       19.30 Uhr, Pfarrheim, Farchant, Garmisch

http://www.weiloisirgendwiazamhaengd.de/


„WEILOISIRGENDWIAZAMHÄNGD“ zeigt das Schöne und das Besondere unserer Heimat im Chiemgau und Rupertiwinkel.
„WEILOISIRGENDWIAZAMHÄNGD“ zeigt Menschen, Vordenker, Visionäre welche unserer Heimat ein Gesicht geben.
„WEILOISIRGENDWIAZAMHÄNGD“ zeigt aber auch, dass die immer intensivere Landwirtschaft, unser Konsumverhalten und falsche politische Weichenstellungen negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben.
Das Agrarbündnis BGL/TS will mit diesem Film den Bauern Unterstützung entgegenbringen, der Bevölkerung einen Anstoß zum Nachdenken geben und die Politik zu verantwortungsvollen Handeln bewegen.

Idyllisches Stelldichein im Grünen, von links Schorsch Planthaler (Moderator Film), Beate Rutkowski (Bund Naturschutz), Leonhard Strasser (Sprecher Agrarbündnis)

Idyllisches Stelldichein im Grünen, von links Schorsch Planthaler (Moderator Film), Beate Rutkowski (Bund Naturschutz), Leonhard Strasser (Sprecher Agrarbündnis)

Gefahren der Agrogentechnik einmal mehr aufgezeigt

Weibhausen. (al) So wie Gottfried Glöckner, bei seinem Vortrag neulich im Gasthaus Weibhausen es darstellte, ist es ein Kampf Landwirt David gegen die Agrogentechnik Goliath. Georg Planthaler von der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) Gruppe Chiemgau-Inn-Salzach hatte Glöckner eingeladen, seine Erfahrungen mit der Agrogentechnik, den dahinterstehenden Konzernen und ihren politischen Handlangern zu schildern. Die Geschichte, die Glöckner in Weibhausen zum Besten gab, erinnert sehr an jene, die der kanadische Farmer Percy Schmeiser mit dem Agrogentechnikgiganten Monsanto machte und vor einigen Jahren dadurch auch in Deutschland bekannt wurde.
Anders als Schmeiser, der die Agrogentechnik von Anfang an ablehnte, zeigte sich Glöckner zuerst begeistert von der neuen Art die Pflanzen gegen Schädlinge zu wappnen. Glöckner meinte, der Gentechnikmais, den er anbaute, mache optisch einen besseren Eindruck als der konventionelle. Erst als seine Kühe Symptome, wie weiß-klebrigen Durchfall, trockene, spröde und blutende Zitzenhaut und Blutkreislaufprobleme entwickelten, sei er stutzig geworden, denn außer der Verfütterung des Genmais hatte er keine Änderungen bei der Kuhhaltung vorgenommen. Glöckner ließ daraufhin den Genmais untersuchen. Dabei wurden Abweichungen bei den Aminosäuren und Bt Toxine in der Milch nachgewiesen. Zudem seien nach der Gülleausbringung auf Weiden und Grünflächen Bt Toxine gefunden worden. Wissenschaftler, die zu Resultaten kamen, die seine Erfahrungen bestätigten, wurden „kaltgestellt“, sagte Glöckner.
Inzwischen sei er zu dem Schluss gekommen, Agrofirmen, die Gentechnisch veränderte Pflanzen erzeugen verdienten keine Glaubwürdigkeit in ihren Behauptungen und ihr Geschäftsgebaren hätte mit Ehrlichkeit nichts zu tun. Auch mit Leuten in Behörden und der Politik ging Glöckner hart ins Gericht. Solange dort bestimmte Personen in verantwortungsvollen Positionen seien, könne Behörden und Politik kein Vertrauen geschenkt werden. „Sie gebärden sich als Handlanger und Vasallen der Konzerne“, sagte Glöckner. Bis Gesetze dahingehend geändert würden, damit verantwortliche Leute in Konzernen, Behörden und Politik bei Schadensfällen selbst zur Verantwortung gezogen werden könnten, könne kein Vertrauen aufgebaut werden. Gegenwärtig würden bei Zulassungsverfahren vielfach Befunde der Agrogentechnikkonzerne als bare Münze genommen und Versuche auf eine Weise durchgeführt, damit bestimmte, den Konzernen gefällige Ergebnisse daraus resultierten. Viele der Wissenschaftler, die Agrogentechnik als ungefährlich erklärten, arbeiteten für die Konzerne selbst, oder für Institute, die, wenigstens zum Teil, von Finanzierung durch Konzerne abhängig seien, sagte Glöckner. Die Zulassungsverfahren seien vielfach der „reine Wahnsinn“. Wissenschaftler, deren Befunde die Schädlichkeit oder Gefahren der Agrogentechnik zeigten, würden sofort als nicht vertrauenswürdig erklärt, ausgegrenzt und deren Verträge nicht verlängert. Als Beispiel zitierte Glöckner den Fall der Wissenschaftlerin Angelika Hilbeck. In ihrer Arbeit beim Schweizer Forschungszentrum „Agroscope“, fand Hilbeck, das in gentechnisch veränderte Pflanzen als Gift gegen den Maiszünsler eingebaute Bt (Bazillus thuringiensis) sei ein aktives Toxin und auch für andere Insekten gefährlich. Daraufhin sei Hilbeck angehalten worden, ihre Befunde nicht zu veröffentlichen. Als sie das trotzdem tat, wurde ihr Kontrakt bei Agrosope nicht verlängert. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit, die im Auftrag der Agrogentechnikfirma Cyba Geigy (später Syngenta) durchgeführt worden war, hätten dem Auftraggeber offensichtlich nicht ins Konzept gepasst, sagte Glöckner.
Glöckner selbst ließ Proben vom Gen-Mais, den er an seine Kühe und Kälber verfütterte sowohl vom Syngenta Labor in North Carolina, als auch von der Staatlichen Lehr- und Forschungsanstalt in Neustadt a. d. Weinstraße testen. Während das Syngenta Labor in den Proben keinerlei schädliche Substanzen fand, wurden von der Forschungsanstalt sehr wohl Giftstoffe nachgewiesen. Nachdem Glöckner mehrere Bestechungsversuche (Maschinen, Urlaub) ausschlug wurde er mit Anzeigen und Prozessen, auch im privaten Bereich, konfrontiert. Trotzdem ließ sich Glöckner aber nicht einschüchtern, führte seinen Kampf gegen die Agro-Gentechnik weiter und ist mittlerweile ein gefragter Sprecher in dieser Beziehung. Am Ende der Prozesserie hat Glöckner lukrative Angebote für Schweigegeld abgewiesen und wird deshalb immer noch von Agro-Gentechnikkonzernen und Lobbyisten traktiert, wie mit der Aussage eines Forschers, der meint; „Es darf nicht so weit kommen, dass man in Deutschland einem Bauern mehr glaubt als einem Forscher!“.

Vielleicht überraschender Weise geschieht dies aber in Ländern wie Russland und China. Glöckner wurde in beide Länder zu Referaten eingeladen. Sicher sind es aber nicht nur die Befunde Glöckners, derentwegen in Russland der Import aller gentechnisch manipulierten Rohstoffe verboten ist. China schicke alle Schiffsladungen mit solchen Produkten zurück, weil, wie die Chinesen festgestellt haben, diese nie dem aktuellen Stand der unabhängigen, wissenschaftlichen Forschung entsprächen, sagte derReferent.

Aufmerksam hörten Gottfried Glöckner (l.) und Georg Planthaler nach dem beeindruckenden Vortrag von Glöckner den Diskussionsteilnehmern zu. Foto: Alois Albrecht

In seinem Vortrag in Weibhausen warnte Glöckner auch vor weiteren, neueren Methoden der Gentechnik, mit denen „Smart Breeding“ oder „Genom Editing“, wie in „CRISPR/Cas“ in die Landwirtschaft eingeschleust werden sollen. Die schlussendlichen Resultate und Auswirkungen dieser Methoden seien bei weitem noch nicht genügend erforscht, meint Glöckner.
Die Diskussion nach dem Vortrag befasste sich vor allem mit dem Lobbyismus mit dem im Agro-Gentechniksektor gearbeitet wird und deren immer noch vorherrschenden Förderung durch die Politik, wie von Kanzlerin Angela Merkel. Dazu meinte ein Diskussionsteilnehmer, solange sowohl Verbraucher als auch Bauern, trotz der durchaus überzeugenden Argumente gegen die Agro-Gentechnik noch immer stur die gleichen Politiker wählten, werde sich nichts ändern. Mit ihren Wahlzetteln öffneten sie den Lobbyisten der Konzerne Tür und Tor um Einfluss zu nehmen. Dem stimmten Glöckner und auch Georg Planthaler in ihren Schlussworten zu.

 

Fairer Handel und die Rolle der Landwirtschaft in Zeiten der Globalisierung

Bericht von der Podiumsdiskussion am 26.05.2017 in Freilassing,
Thema „Fairer Handel und die Rolle der Landwirtschaft in Zeiten der
Globalisierung“

Podiumsdiskussion in Freilassing mit Gertraud Gafus und Leonhard Strasser vom Agrarbündnis, Norbert Eberherr und Angelika Schuster zum fairen Handel:

Marktdiktatur der Konzerne oder sozialökologischer Umbau der Landwirtschaft?

Freilassing. In einem intensiven Podiumsgespräch unter Leitung des Laufener Stadtrats Werner Eckl diskutierten die Vertreter alternativer Landwirtschaft, Gertraud Gafus und Leonhard Strasser mit dem linken Bundestagskandidaten Norbert Eberherr über Fakten und Lösungsvorschläge zur Krise der Landwirtschaft und des fairen Handels in Zeiten der Globalisierung.
Zu Beginn zeigte der Globalisierungsexperte Prof. Dr. Georg Auernheimer einige Fakten zur Forderung nach Fair Trade auf: „Es geht nicht nur um Importe von Lebensmitteln, Textilien oder Holz, sondern um die europäische, sprich hiesige Landwirtschaft, die mit den Exporten von Fleisch und Milchpulver z.B. die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Afrika kaputt macht, weil sie zu Wachstum gezwungen wird. Beim Milchmarkt z.B. hat die Politik die Voraussetzungen für einen funktionierenden Markt, wie ihn die Wirtschaftswissenschaft formuliert, längst verspielt. Statt allen Käufern und Verkäufern freien Zugang zum Markt zu ermöglichen, liegt die Marktmacht bei den großen Einzelhandelsketten, die alle Bedingungen diktieren“, so Auernheimer. Deshalb sei eine staatliche Marktintervention unverzichtbar, um die Produktionsmenge zu steuern und den Erzeugern einen kostendeckenden Milchpreis zu sichern. „Ansonsten geht das Höfesterben und die Verödung der Dörfer weiter“.


Gertraud Gafus, bis letztes Jahr noch Bundesvorsitzende der ABL, freute sich, dass sich die Linke zunehmend mit Landwirtschaft beschäftigt. „Denn es geht um das zentrale Thema: Was essen, trinken, atmen, sehen wir und wie leben wir? Artenvielfalt braucht ökologisches Wirtschaften in kleinen Betrieben. Melkroboter und riesenhafte Maschinen zerstören die Landschaft und vernichten Arbeitsplätze. Es braucht viele Hände, viel Hirn und ich appelliere an die persönliche Verantwortung: Welche Auswirkungen hat mein Handeln. Aber auch politisch müssen wir was ändern: Schmeißt Nestle raus aus Afrika, denn das ist ein fruchtbarer Kontinent, wenn die weg sind“, so Gafus.
Leonhard Strasser vom Agrarbündnis ergänzte: „Fairer Handel braucht fairen Umgang miteinander und mit den Bauern auf dieser Welt und Verantwortung für unsere Nachkommen. Denn mit den billigen Preisen verkaufen wir die Zukunft, es zählt nur noch das Geld und nicht mehr die Arbeit. Seit 30 Jahren redet die Politik und der Bauernverband uns Bauern ein: Wachsen oder weichen. Deshalb müssen wir was verändern, damit es besser wird und die Politik fordern. Wir müssen nach oben treten, nicht nach unten“.
Angelika Schuster vom Weltladen Laufen nannte Bedingungen für fairen Handel: „Menschen in aller Welt müssen von ihrer Arbeit leben können. Die jetzige Überproduktion zeigt eine mangelnde Wertschätzung gegenüber den Dingen, was zur heutigen Wegwerfmentalität führt. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland pro Jahr 11 Mio. Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen und anderswo Menschen millionenfach verhungern“. Es geht anders: Der Weltladen garantiere den Erzeugern einen festen Preis unabhängig vom jeweiligen Weltmarktpreis und stütze so die ökologische Landwirtschaft. „Wir kaufen darüber hinaus zu 90% Waren aus biologischer Landwirtschaft“ stellte Angelika Schuster fest.
Norbert Eberherr verurteilte die derzeitige Politik der EU und in Deutschland zugunsten des Profits der globalen Konzerne: „Unter dem sozialökologischem Umbau der Landwirtschaft verstehen wir unter anderem die Förderung nachhaltiger Erzeugung gesunder Lebensmittel und regionaler Vermarktungsstrukturen, Verbot von Patenten auf Lebensmittel und Saatgut. Wir fordern Stopp weiterer Globalisierung und sog. Freihandelsabkommen z.B. die jüngste Kumpanei der EU mit globalen Konzernen in Afrika, die zur weiteren Zerstörung der dortigen Landwirtschaft führen. Bauernland gehört nicht in Investorenhand – nicht hier und nicht weltweit.“, erklärte Eberherr.
In der Diskussion stellten die Podiumsteilnehmer und Besucher sehr konkrete Forderungen an die Politik auf, aber auch um persönliche Verhaltensänderungen. Prof. Auernheimer reicht ein Appell an die Verbraucher nicht: „Die Politik ist gefordert“. Das meinte auch Frau Soyoye-Rothschädl aus Salzburg, die entsprechende Gesetze forderte, um die Gängelung der Landwirtschaft mit fragwürdigen Fördermaßnahmen zu beenden. Gertraud Gafus hielt der alleinigen Hoffnung auf die Politik entgegen: „ Wenn da aber so schnell nichts kommt, brauchen wir einen Plan B, um nicht zu resignieren. Also persönlich handeln, wo es geht. Und es geht einiges, wenn an den Landwirtschaftsschulen das Richtige vermittelt würde und nicht falsch beraten würde“. Auch Angelika Schuster verwies auf Erfolge in Laufen mit Workshops an den Schulen die vom Weltladen initiiert werden. „Jeder kann beim Einkauf fragen: Wo kommen die Lebensmittel her, wo kommen die Futtermittel her. Warum werden in Biogasanlagen Lebensmittel vernichtet?“ Leonhard Strasser setzte sowohl auf Sensibili-sierung der Bevölkerung, aber auch auf Druck von unten auf die Politiker: „wenn Minister Brunner das Fernziel „20% Bioprodukte“ ausgibt, sage ich: Wir brauchen 100% Ökologie“. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die 6 Mrd. Fördergelder in der BRD völlig falsch vergeben würden, denn „nicht die Flächen der industriellen Landwirtschaft, sondern die ökologischen Herstellungsweisen müssten gefördert werden und Abgaben auf Gifte, Spritzmittel und Bodenverunreinigung erhoben werden. Hias Kreuzeder erinnerte an den Art. 153 der bayerischen Verfassung: “Die selbständigen Kleinbetriebe und Mittelstandsbetriebe in Landwirtschaft, Handwerk,……sind in der Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern und gegen Überlastung und Aufsaugung zu schützen“. Dagegen verstoße die CSU-Regierung seit Jahrzehnten in verbrecherischer Weise.
Dass sich am Ende alle Teilnehmer einig in der Kritik an der kapitalistischen Fehlentwicklung in der Landwirtschaft waren und Auflagen und Kontrollen der Agrarkonzerne forderten, überraschte Norbert Eberherr von den Linken doch etwas. „Aber es reicht halt nicht, uns nur Recht zu geben, wir müssen auch gewählt werden, damit der Druck auf die etablierten Politiker groß genug wird, endlich grundlegend ihre jetzige Agrarpolitik zu ändern. Da ist keine Stimme verschenkt“, schloss Eberherr die Diskussion.

 

Der Luchs schafft es nicht allein

Ökologischer Jagdverein und Naturschützer plädieren für aktive Ansiedlungen

Von Hannes Höfer

Weibhausen. Ulrich Wotschikowsky wollte schon fast aufgeben. Der Wildbiologe und Experte für die „großen Beutegreifer“ sah kaum noch eine Chance für den Luchs in Bayern und Deutschland. Zu viele Tiere verschwanden spurlos, wurden gewildert oder vergiftet. Offensichtlich gibt es Menschen, die den Luchs hier nicht haben wollen. Um Akzeptanz, um Lebensräume, aber auch um die notwendige genetische Vielfalt ging es bei der Podiumsdiskussion im Gasthaus Alpenblick. Eingeladen dazu hatte die Regionalgruppe Südostoberbayern des Ökologische Jagdvereins unter dem Titel „Der Luchs kehrt heim“. Allerdings wurde auch klar: Man muss ihm dabei helfen. Und der zweite Teil des Titels? Die Frage „Unerwünscht oder willkommen?“ Da gaben die Podiumsgäste eine einmütige Antwort.

Von der Schweiz lernen, heißt siegen lernen. Nein, so würde es Dr. Anja Molinari nicht ausdrücken, auch wenn die Schweizer Zoologin von der erfolgreichen Ausbreitung des Luchses in ihrem Heimatland und darüber hinaus berichten konnte. Seit 1991 arbeitet sie mit am Luchsprojekt KORA, und hat in dieser Zeit viel gelernt über diese europäische Großkatze. 52 Prozent der Alpen sind Waldgebiet. „Ein gutes Luchs-Habitat“, sagt Molinari. Aber: „Der Luchs braucht keinen Urwald und keine Wildnis.“ Er findet sich auch in zersiedelten Lebensräumen zurecht, wenngleich Autobahnen psychologische Barrieren darstellten. So lebte etwa ein Luchs-Männchen fast ein Jahr im Züricher Stadtwald, weil es dort genügend Futter für ihn gab. „Rehe, Gams, Rotwild, der Luchs passt sich dem Angebot an“, erläuterte die Expertin, „aber er bedient sich gelegentlich auch an Haustieren.“

Molinari verschwieg die Probleme nicht, die es auch in der West-Schweiz gegeben hatte. Dort war der Bestand Ende der 90er Jahre so angestiegen, dass die Stimmung kippte und zum Wildern aufgerufen wurde. Was folgte, war ein Managementplan und die Umsiedlung von Tieren in die Nordost-Schweiz. Insgesamt seien die Schäden aber überschaubar, machte die Expertin anhand von Zahlen deutlich. In Deutschland, Österreich und Italien etwa habe es bisher keine Schadensfälle an Haustieren gegeben.

„Der Hauptkonflikt ist der mit der Jagd“, stellt Molinari klar. Längerfristig mache jedoch auch die Genetik Probleme, also der hohe Verwandtschaftsgrad der Populationen. Und auch die Tiere verhielten sich nicht immer wie geplant. Der Kuder Alus etwa machte sich sofort auf den Weg nach Norden, überquerte den Alpenhauptkamm und erreichte im März 2015 den österreichischen Pinzgau, Und wechselte in dieser Zeit schon mal auf die bayerische Seite. Insgesamt gebe es etwa 650 Nachweise pro Jahr in den Alpen. Eines weiß Molinari ganz sicher: „Länger als ein Jahr kann sich kein Tier verstecken.“ Die vielen Fotofallen würden es in jedem Fall entdecken, und mit den Bildern und der typischen Zeichnung würde man sie eindeutig bestimmen können.

24 Tiere lebten zur Zeit im Harz, sechs im Pfälzerwald, wo 17 weitere Neuankömmlinge geplant seien. „Umsiedlung in alle Richtungen“, hält die Fachfrau für das richtige Konzept, mit dem Ziel, einer lebensfähigen Population in allen Teilen der Alpen. Aber das, so sagt sie, sei eine gesellschaftliche Entscheidung.

Man brauche diesen gesellschaftlichen Konsens, waren sich Beate Rutkowki und Dr. Daniel Müller einig. Der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden gestand, dass er sich gefreut habe, als Alus auf den Flächen der Bayerischen Staatsforsten auftauchte. Denn von dort gebe es die klare Weisung. „Der Schutz des Luchses ist zu gewährleisten.“ Rutkowski als Bund Naturschutz Kreisvorsitzende erinnerte die rund 70 Interessierten daran, dass der Luchs einst hier heimisch gewesen sei. „1897 ist der letzte Luchs in den Alpen erschossen worden. Es muss möglich sein, dass er wieder hier lebt.“ Aber: „Allein schafft er es nicht, es braucht aktive Projekte.“ Nicht zuletzt müsste gegen illegale Luchstötungen mit aller Macht vorgegangen werden.

Mit der Ansiedlung hatte man 1973 im Bayerischen Wald begonnen, wo eine internationale Luchsgruppe gegründet worden war. „Ich bin zwischenzeitlich frustriert“, gab Ulrich Wotschikowski zu, „es tut sich zu wenig.“ Auch der Fachmann für die großen Drei – Bär, Wolf und Luchs – weiß: „Anders als der Wolf kommt der Luchs nicht von selber.“ Der Wildbiologe könnte sich vorstellen, dass mit der Ankunft des Wolfes der Luchs eher aus der Diskussion verschwindet. Für ihn ist der Luchs ein „Sympathieträger, der seinesgleichen sucht.“

Alfons Leitenbacher sieht die Gefahr, diese Tiere in der öffentlichen Diskussion zu vermischen. Der Leiter des Traunsteiner Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) war als Zuhörer nach Weibhausen gekommen. „Der Schutz unserer Tiere ist ein Kostenfaktor“, stellte Renate Aschauer fest. Die Ramsauer Schafbäuerin ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Alpines Steinschaf, einer alten und seltenen Rasse. Sie hat einen Zaun und drei Hunde. Angeschafft aber hat sie sich diesen Schutz wegen eines ganz anderen Räubers: Des Fuchses, der sich die frisch geborenen Lämmer holt. Bloß: Für Schäden vom Fuchs gibt es keine Entschädigung, bei Wolf und Luchs jedoch hundert Prozent. Aschauer machte deutlich: „Der Luchs tut mir nicht weh“, was ein anderer im Saal ergänzte: „Momentan.“

Mit einer anderen Mär räumte Molinari auf, dass nämlich die Jagdstrecken weniger würden. Und wenn dann noch der Luchs kommt?. „Nein: Die Jagdstrecke beim Reh nimmt zu. In Bayern vergleichsweise am meisten.“ Mehr noch: In der Schweiz hätten die Jäger nach Ansiedlung des Luchses mehr Rehe erlegt als zuvor.“ Wotschikowsky kann nicht verstehen, weshalb man sich gegen eine aktive Ansiedlung wehre. „Wir betreiben Aussetzungen von früh bis spät, ob Lachs und Stör, Tanne und Laubbäume, und so weiter …“ Eine „Reparatur an der Natur“ sei vielfach nötig, weil man sie so „drangsaliert“ habe.

Der Nationalpark Berchtesgaden wäre doch ein geeignetes Areal, meinte ein Besucher. „Der Wildbestand würde für ein paar Luchse reichen“ machte Dr. Müller deutlich, „der Lebensraum aber nur für einen.“ Denn Luchskuder bräuchten 50 bis 100 Quadratkilometer. Und 50 bis 70 Rehe pro Jahr. Diskussionsleiter Dr. Klaus Thiele erinnerte daran, das Bayerns Rehwildbestand nach dem Zustand des Waldes beurteilt und entsprechend bejagt werde, weshalb die ganze Diskussion einen „Hauch von Irrationalität“ habe. „Und täglich werden in Deutschland tausende Rehe totgefahren“, warf ein anderer ein.

„Wer ergreift die Initiative?“, lautete eine Frage aus dem Publikum. Molinari blickt dabei über Bayerns Grenzen nach Tschechien, Salzburg, Tirol und Vorarlberg, auf gemeinsame Aktionen mit den Nachbarn, auf „internationale Gremien.“ Und schließlich auf „Wählerstimmen“.

Ulrich Wotschikowky erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass man in „Vorgesprächen“ dabei sei, zu „sondieren“. Die Arbeitsgemeinschaft Große Beutegreifer wolle den Managementplan, wonach eine aktive Ansiedlung nicht geplant sei, auf den Prüfstand stellen, um genau diese Passage zu kippen.

Wotschikowky war es dann, der die „Signale“ aus den „einschlägigen Kreisen“, nämlich dem einflussreichen Landesjagdverband, präsentierte. Auf dessen Internetseite hatte er die klare Aussage gefunden, dass man eine Wiederansiedlung nicht dulden werde. Alfons Leitenbacher bedauerte, dass kein Vertreter dieser Jagdorganisation mit am Podium saß. Klaus Thiele vom Veranstalter ÖJV musste auf Nachfrage unserer Zeitung eingestehen, dort gar nicht angefragt zu haben.

 

Kontrollierter Raubbau statt Green Economy

Münchner Autorin Kathrin Hartmann liest beim John in Obing – Lebhafte Diskussion

Obing. Die Münchner Autorin Kathrin Hartmann berichtete im Gasthaus „John“ von ihren Reisen nach Indonesien, Bangladesch und El Salvador, wo sie für ihr Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“ über die Auswirkungen der Green Economy recherchiert hatte. Bei der Lesung auf Einladung des Agrarbündnis Berchtesgadener Land/Traunstein zeigte Kathrin Hartmann die zerstörerischen Folgen des „grünen Kapitalismus“ sowie mögliche Alternativen auf.

In deutlichen Worten schilderte die Autorin Kathrin Hartmann die Bedingungen, unter denen sogenannte „nachhaltige“ Erzeugnisse produziert werden: etwa von Palmöl oder auch von Shrimps. Foto: Eder

Als „international wettbewerbsfähige, umwelt- und sozialverträgliche Wirtschaft“ sowie als „Wachstumsmotor“ beschreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung sein „Leitbild der Green Economy“. Kathrin Hartmann erklärt: „Hinter dem Schlagwort verbirgt sich die Idee, Wachstum und Naturverbrauch mit Hilfe neuer Technologien zu ‚entkoppeln‘. Alle Versuche, destruktive Techniken und Rohstoffe durch ’nachhaltigere‘ zu ersetzen, sind aber gescheitert oder haben die Probleme sogar noch verschärft.“

Für die Herstellung von Elektroautos, Windrädern und Solarzellen würden beispielsweise große Mengen Seltener Erden benötigt, die in Kriegsgebieten oder auf Kosten Indigener abgebaut werden. Shrimps aus bangalischen Zuchtbecken würden mit Nachhaltigkeits-Siegeln exportiert, obwohl gegen den Willen der Bevölkerung Reisfelder und Mangrovenwälder zerstört worden seien. Und in Indonesien werden im Auftrag von großen Konzernen Regenwälder gerodet und Menschen vertrieben, um in Monokulturen Palmöl erzeugen zu können, das unter anderem für Biosprit, Fertigprodukte und Kosmetik verwendet wird. Dies alles sei „subventioniert durch die Politik, unterstützt von Umweltorganisationen und ausgezeichnet mit Nachhaltigkeitspreisen“, kritisiert Kathrin Hartmann.

„Ich ärgere mich, wenn das Falsche als etwas Gutes ausgegeben wird“, erklärt die Münchnerin ihre Motivation zum Schreiben. Als sie von der Verleihung des deutschen Nachhaltigkeitspreises 2013 in Düsseldorf berichtet, wird das Ausmaß des Zynismus von Wirtschaft, Politik und industriefreundlichen NGOs wie dem WWF deutlich. Deutsche Unternehmen, Verbände und Forschungseinrichtungen sowie die Bundesregierung vergeben die Auszeichnung für sogenannte „Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit“. Bekommen hätten den Preis bisher fragwürdige Unternehmen wie BASF, Bayer, Henkel, C&A, Puma, Siemens, Rewe und Volkswagen. Das Festessen habe ausschließlich aus Fleisch und Fisch bestanden, und „nach eigenen Angaben haben die zwei Tage Weltrettungsevent mehr als 220 Tonnen CO2 verursacht – das ist so viel wie 600 Menschen in Bangladesch in einem Jahr ausstoßen“, schreibt Hartmann.

„Es gibt kein Recht auf einen Lebensstil, der anderen schadet“, ist die 45-Jährige überzeugt. Befürworter des „grünen Wachstums“ würden vorbringen, dass auch Menschen in Entwicklungsländern ein Recht auf die „Segnungen des Fortschritts“ hätten. Die Kleinbauern dort hätten jedoch ganz andere Vorstellungen von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit, stellt die Autorin klar. So wie Brutus, der Dorfvorsteher eines der wenigen intakten Urwalddörfer auf Borneo. „Wir haben Fruchtbäume, Gemüsegärten, Geflügel, Honig, Wildkräuter, Medizinpflanzen. Wir haben alles hier, außer einem Supermarkt. Den brauchen wir nämlich nicht. Der Wald gibt uns alles, was wir brauchen“, sagt er.

Solidarität, Mut und Entschlossenheit

Wirtschaftswachstum und überbordender Konsum seien laut Anhängern der Green Economy gut für die Welt, solange sie innovativ und intelligent gemacht seien. Dem widerspricht Hartmann: „Wir können uns für ein anderes Leben jenseits der Wachstums- und Konsumzwänge entscheiden“, das Wachstum selbst sei das Problem, und man müsse Alternativen dazu finden. Individueller Verzicht alleine und ein bloßer Rückzug aus dem System werde nicht zu einer gesellschaftlichen Veränderung führen. Große Hoffnung machen ihr aber die vielen widerständigen Aktivisten, Indigenen und Kleinbauern, die sie auf ihren Reisen getroffen hat.

Auch in Deutschland sieht sie das „Potenzial gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen“: Etwa bei der „Wir haben es satt“ – und der Anti-Atomkraft-Bewegung sowie den TTIP-Protesten. Kathrin Hartmann ruft dazu auf, dass bereits gelebte Alternativen wie die eigenständige Energieversorgung von Kommunen, ökologisch ausgerichtete, solidarische Landwirtschaft, Gemeinschaftsgärten und Genossenschaften nicht bloß kleine Nischen bleiben dürfen: „Mit Solidarität, Mut und Entschlossenheit können wir Veränderung auf jeden Fall gemeinsam bewirken.“

Davon ist auch Elisabeth Aschauer überzeugt. Sie wandte in der Diskussion zwar ein, dass man einen „langen Atem“ brauche, bis sich gesellschaftlich grundlegend etwas verändert. „Zu sagen ‚Da kann man eh nix machen‘ ist aber das Schlimmste“, meinte die BDM-Kreisvorsitzende im Berchtesgadener Land und verwies auf die Bundestagswahlen im September. Im Vorfeld könne man beispielsweise Politikern Fragen stellen und an Demonstrationen teilnehmen. Margot Rieger aus Obing warnte vor dem Freihandelsabkommen CETA: „Konzerne erhalten damit ein Grundrecht auf ungestörte Investitionsausübung“. Die Parlamente in den meisten EU-Ländern, so auch in Deutschland, müssten aber erst noch zustimmen. Voraussichtlich geschehe dies erst in der nächsten Legislaturperiode. Deshalb sei es wichtig Politiker bei Veranstaltungen darauf anzusprechen.

„Selbst in die Politik gehen“

Heiner Müller-Ermann aus Dorfen geht noch einen Schritt weiter: „Der effektivere Weg ist, selbst in die Politik zu gehen. Denn Politik ist die Diskussion über die Frage ‚Wie wollen wir morgen leben?’“, und darauf könne man in einer Partei Einfluss nehmen, da die Basis beispielsweise die Kandidaten wähle. Er appellierte besonders an junge Menschen, die in Parteien selten seien: „Wir tragen euch auf Händen. Man kann etwas verändern und muss nicht auf langsamen, mühsamen Fortschritt vertrauen“.

Der Landwirt Hans Spitzel aus Grafing betonte die maßgebliche Rolle der landwirtschaftlichen Ausbildung, die den Strukturwandel in Richtung großer Betriebe vorantreibe. Er wollte von Kathrin Hartmann wissen, ob sie Erkenntnisse zu pfluglosem Ackerbau habe, da die CO2-Mengen, die beim Pflügen frei werden, enorm seien. Die Autorin berichtete, dass unter anderem auch die Bill-Gates-Stiftung dieses Problem erkannt habe. Deren vermeintliche Lösung sei aber, „möglichst viel Chemie auf das Feld zu schütten, damit nicht gepflügt werden muss“. Leonhard Strasser gab bekannt, dass das Agrarbündnis einen Vortrag zum Thema plane.

„Die kirchlichen Hilfswerke, wie Misereor, Missio oder Adveniat, haben den richtigen Anspruch und gehen kleine Schritte in die richtige Richtung“ ist Sepp Rottenaicher aus Halsbach überzeugt. Er sieht drei Möglichkeiten, Veränderungen einzuleiten: „Die erste ist Überzeugungsarbeit oder Werbung, die zweite über das Ordnungsrecht und politische Mehrheiten und die dritte über den Preis.“ Die zusätzliche Startbahn am Münchner Flughafen sei nur deshalb vermeintlich notwendig, weil Billigflieger subventioniert würden, anstatt Kerosin zu besteuern.

Sandra Mulzer meinte abschließend, dass es wichtig sei, auch „Positivbeispiele ans Licht zu bringen“, und dass viele wegen beruflicher Belastungen keine Zeit und Kraft mehr hätten, sich differenziert zu informieren. Dazu schreibt Kathrin Hartmann: „Wir brauchen bessere und weniger Arbeit, die Zeit lässt, um mit anderen Menschen die wichtigen Fragen zu diskutieren, ein neues, starkes Miteinander, das das schale Glück des Konsums ersetzt.“ – su

Kathrin Hartmann, geboren 1972 in Ulm, studierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Nach einem Volontariat bei der »Frankfurter Rundschau« war sie dort Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Redakteurin bei »Neon«. 2009 erschien bei Blessing „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt.“, 2012 erregte ihr Buch über die neue Armut – „Wir müssen leider draußen bleiben“ – großes Aufsehen. Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München.

Wälder mit Schutzfunktion für den Waginger See

Was hat ein Wald in Wonneberg mit dem Schutz des Waginger Sees zu tun?
Förster Max Poschner erläuterte gemeinsam mit Leonhard Strasser und Hans Praxenthaler, die im Agrarbündnis und in der Arbeitsgemeinschaft naturnaher Waldbau aktiv sind, den Teilnehmern bei einem Waldbegang in der Ökomodellregion, wie z.B. der schmale Schutzwaldstreifen beidseits des Panolsgrabens in Wonneberg so bewirtschaftet werden kann, dass er seine Schutzfunktion für den Seezubringer – als Nährstoffrückhalt, Wasserspeicher und Filter – auch in Zukunft optimal erfüllen kann.

Das eher lockere Molassegestein im Untergrund ist die Hauptursache, warum sich Gräben wie Dobelgraben, Lohbach oder Ramgraben seit Jahrhunderten tief ins Gelände eingraben und die Landschaft im Seeneinzugsgebiet mit geformt haben. Das Gelände an beiden Seiten der Gräben ist so steil geworden, dass der Wald darauf schwer zu bewirtschaften ist. Eine stabile, vielfältige und möglichst naturnahe Artenzusammensetzung ist für diese Schutzwaldstreifen besonders wichtig, sonst wird die dünne und lockere Humusschicht als Grundlage des Waldbodens in die Gräben geschwemmt und landet bald im See. „Wir brauchen die Nährstoffe aus dem Humus dringend für ein gesundes Wachstum unserer Bäume und nicht im See, wo sie nur die Algen wachsen lassen“, so Förster Max Poschner, der eine Karte zu den Schutzwäldern im Seeneinzugsgebiet vorstellte. Den wichtigsten Beitrag zur Stabilisierung des Waldbodens leisten in diesem Fall Nadelbäume und besonders die Tanne, weil ihre Pfahlwurzel den Boden auch dort festhalten kann, wo dies flachwurzelnde Arten wie die Fichte nicht mehr schaffen. Noch dazu setzen steigende Jahresdurchschnittstemperaturen und ausgeprägte Trockenheitsphasen der Fichte künftig immer stärker zu. An steilen Stellen ist auch ein reiner Buchenwald nachteilig, denn der lockere Blatthumus aus dem Buchenwald gerät leichter ins Rutschen als der Boden in einem möglichst vielfältigen Mischwald mit seinen verschiedenen Wurzeltiefen.

Eindrucksvoll war für die teilnehmenden Waldbauern ein Hangstück, auf dem seit sieben Jahren eine intensive Jagd stattfindet. Zwischen hohen alten Kronenbäumen und dem jetzigen niedrigen und dichten Jungwaldbestand gibt es keinerlei Zwischenstufen im Baumbestand, d.h. eine Naturverjüngung hatte es bis dahin nicht gegeben, und damit war der Weiterbestand des Schutzwaldes mittelfristig in Frage gestellt. Eine ausreichende Bejagung ist im Waldgesetz vorgeschrieben und für einen naturnahen Waldumbau unerlässlich, darauf wies Leonhard Strasser als Mitorganisator und als Bewirtschafter dieses Waldstücks hin.

Wo soll man als Waldbesitzer in den Bestand eingreifen und wo der Natur freien Lauf lassen? Hans Praxenthaler plädierte dafür, immer wieder zu versuchen, von der Natur zu lernen und mit ihr zu arbeiten, statt gegen sie. Das einseitige Denken des Menschen auf kurzfristigen Ertrag schade oft mehr, als es nütze. Auch früher unerwünschte Baumarten wie die Birke, eine Kirsche oder andere Laubholzarten tragen zu einem vielfältigen und strukturreichen Bestand bei und erfüllen Funktionen im Ökosystem, die wir noch nicht alle kennen. Hier zählt vor allem, was der Waldbesitzer haben will: So kann er sich durch Stärken oder Ausschalten der Konkurrenzbäume in unmittelbarer Nachbarschaft Edellaubstämme zum Verwerten oder Verkaufen ziehen oder auch einmal der raren Fichte im Buchenbestand bei der Durchsetzung helfen. Unregelmäßiges Auflichten im Waldbestand bringt Licht in den Boden und hilft bei der Naturverjüngung, ohne die Stabilität aus dem Gleichgewicht zu bringen – „Waldwirtschaft ist ein Spiel mit Licht und Schatten“, so Praxenthaler, der Waldbauer mit Leib und Seele ist. Ein strukturreicher Wald mit jungen und alten Bäumen im Mischbestand sorgt nebenbei für eine hohe Artenvielfalt und niedrigeren Schädlingsdruck im Wald.

Wo der Hang schon an einzelnen Stellen ins Rutschen geraten ist, kann es auch einmal hilfreich sein, einen größeren Laubbaum am Rand zu fällen und liegen zu lassen, um den Abriss zu stabilisieren, schlug Förster Poschner vor.

Dreißig interessierte Teilnehmer waren trotz heftigen Regens der Einladung der Ökomodellregion gefolgt und hatten im Anschluss noch viele Fragen an die Organisatoren. Im Unterschied zur Situation vor wenigen Jahrzehnten hat sich die Abflusssituation an den Gräben bei starkem Regen dramatisch verschärft. Während das Wasser in den Wonneberger Gräben früher stärker mäandern konnte, die Wassermengen bei Regen langsamer eintrafen und das Wasser klarer blieb, zeigt sich die jahrzehntelange Umwandlung unserer Landschaft mit stark fortschreitender Versiegelung in extrem beschleunigten Abflüssen zu den Gräben und, dadurch bedingt, zu erhöhter Erosion. Bürgermeister Martin Fenninger aus Wonneberg würde sich an manchen Stellen deshalb eine stärkere Verbauung der Bäche mit Augenmaß als Schutz vor Erosion wünschen. Das Wasserwirtschaftsamt sehe solche Aktivitäten allerdings kritisch. Einig waren sich die Teilnehmer darüber, wie wichtig es wäre, wieder mehr Wasser in der Landschaft zurückzuhalten, ehe die Abflüsse in den Gräben landen – doch bisher weisen alle Tendenzen in die gegenteilige Richtung, so z.B. bei der fortschreitenden Versiegelung über Bautätigkeiten für Wohn- und Gewerbegebiete.

Auch eine fortschreitende Verdichtung von Böden in Land- und Waldwirtschaft bringt es mit sich, dass der Boden in der Fläche weniger schnell große Wassermengen aufnehmen und speichern kann, das trägt zu den Abflussspitzen bei. Einer Verdichtung von Waldböden kann durch eine sinnvolle Kombination aus Rückegassen, technischem Gerät, Seilzügen und im Einzelfall sogar schonenden Bringmethoden mit dem Pferd begegnet werden, das verringert die Anzahl der Rückegassen und schont den Waldboden – nicht nur in der Landwirtschaft ist der Schutz vor Verdichtung ein wichtiger Faktor. Der Waldbegang zeigte, wie viele Faktoren bei einer nachhaltigen Waldwirtschaft zu beachten sind und welches Potential ein naturnah bewirtschafteter Wald für den Schutz des Waginger Sees langfristig bietet.

Die Gemeinden der Ökomodellregion haben sich freiwillig verpflichtet, den naturnahen Waldbau auf kommunalen Waldflächen zu unterstützen, auch um ihrer Vorbildfunktion für private Waldbesitzer gerecht zu werden – und sie haben sich verpflichtet, der Innenentwicklung vor der Außenentwicklung den Vorrang zu geben, wo dies möglich und sinnvoll ist, um weitere Versiegelung zu bremsen.