„Kühe verstehen“ mit Martin Ott

Weibhausen. (al) Über Einen der besonders gut mir Pferden kommunizieren konnte wurde schon der Film „Der Pferdeflüsterer“ gemacht.  Über Einen, der besonders gut die Natur von Kühen versteht dürfte das noch nicht geschehen sein.  Dabei spielen Kühe heutzutage in der Landwirtschaft eine ungleich größere Rolle als Pferde.  Vielleicht liegt dem Unterschied in der Behandlung dieser beiden Tierarten die Auffassung zugrunde, das Pferd sei „Edel“, während die Kuh oft als „Blöd“ dargestellt wird.  Wie neulich der Schweizer Kuh-Experte Martin Ott, Präsident des Forschungsinstituts Biologischer Landbau (FiBL) und Mit-Betreiber des zwischen Zürich und Basel liegenden Biohofs „Fintan“ auf Einladung des Agrarbündnisses BGL / Traustein unmissverständlich klar machte ist diese Einschätzung der Kuh genauso falsch, wie sei weitverbreitet ist.

Ebenso überraschend, wie das über Kühe Gesagte, war die Zahl der Interessierten, die zur Veranstaltung kamen.  Die Verantwortlichen des Agrarbündnisses hatten sich vorab Sorgen gemacht, der Saal würde zu groß sein und die Besucher sich darin verlieren.  Was tatsächlich eintrat war, dass aus Nebenräumen etwa 100 extra Stühle herbeigeholt werden mussten und selbst dann saßen die Besucher noch auf dem Bühnenrand, um überhaupt einen Sitzplatz zu bekommen.  Einige mussten sogar, trotz aller Bemühungen, mit Stehplätzen vorlieb nehmen.

Herausgehoben aus der Masse wurden bei der Begrüßung natürlich der Referent, Martin Ott, sowie der Leiter des Landwirtschaftsamtes Traunstein, Alfons Leitenbacher.  Weiter sagte Strasser, in Bayern hätten wir noch eine einigermaßen intakte Landwirtschaft.  Umso mehr sollten wir uns deshalb bemühen eine weitere Industrialisierung dieser zu verhindern.  Dabei sei auch der Einsatz von Antibiotika und Chemikalien jeglicher Art möglichst zu vermeiden.  Sehr enttäuscht zeigte sich Strasser vom Abstimmungsverhalten der Bundes-Parlamentarier, die mit Ausnahme der Linken und Grünen, kürzlich fast geschlossen der Zulassung einer neuen Gentechnik-Maissorte zugestimmt hatten.  Da zeige sich die Macht der Konzerne, meinte der Sprecher des Agrarbündnisses, wenn Parlamentarier, trotz massiver Ablehnung durch die Bevölkerung, fast einstimmig für die umstrittene Agrar-Gentechnik stimmten.  Drei Konzerne kontrollierten Weltweit über 50 Prozent der Futtermittelindustrie, ließ Strasser wissen.  Aber statt Rahmenbedingungen zu schaffen, die diese Übermacht eindämmen würden, bediene sie die Politik noch.

Der „Kuh-Flüsterer“ Martin Ott aus der Schweiz hielt im übervollem Gasthaus Weibhausen einen humorvollen und gestenreichen Vortrag über die Landwirtschaft und das Kuh-Wesen für das Agrarbündnis BGL / Traunstein. Foto: Alois Albrecht

Der „Kuh-Flüsterer“ Martin Ott aus der Schweiz hielt im übervollem Gasthaus Weibhausen einen humorvollen und gestenreichen Vortrag über die Landwirtschaft und das Kuh-Wesen für das Agrarbündnis BGL / Traunstein.
Foto: Alois Albrecht

Martin Ott sagte, er stamme ursprünglich aus dem Berner Oberland, sei Bauer seit mehr als 30 Jahren und jetzt Mit-Betreiber des Biohofs Fintan im Kanton Zürich.  Dieser Betrieb habe etwa 100 Kühe und er habe sich intensiv mit der Geschichte der Interaktion zwischen Mensch und Kuh beschäftigt.  Diese Interaktion gebe es für viele tausend Jahre.  Mensch und Kuh hätten sich aufeinander zuentwickelt.  Das gehe soweit, sagte Ott in seinem humorvollen Vortrag, dass die Kuh jetzt regelrecht „verliebt“ sei in ihre Bezugsperson, Bauer oder Bäuerin.  Es sei die Kuh gewesen, die es dem Menschen ermöglicht habe sesshaft zu werden, denn die Kuh gebe nicht nur Milch, sondern mache auch Böden fruchtbar, sagte Ott.  Durch das Fressen der Kuh werden die Pflanzen auf der Weide zu Wachstum angeregt und gleichzeitig der Boden durch ihre Fäkalien gedüngt.  Die Kuh sei zudem das einzige domestizierte Tier, bei dem sich der Ertrag ihres Produktes, Milch, durch Züchtung nennenswert steigern ließ.  Als Beispiel erwähnte Ott Pferde, diese rennen heute, trotz gezielter Züchtung, kaum schneller als ehedem.  Die Milchleistung der Kühe habe sich aber enorm gesteigert.  Allerdings sieht Ott die Leistungssteigerung an Grenzen stoßen.  Um den Milchertrag zu steigern würden Kühe zu früh zum Kalben gezwungen, was ihre Lebenserwartung verringere und sie gebrechlich mache.  „Wir haben eine Politik der verbrannten Erde auf Tierebene“, sagte Ott.  Diese sei bedingt durch niedrige Milchpreise.  „Bauern sind deshalb gezwungen doppelt so viel zu arbeiten wie andere, verdienen aber nur halb so viel“, sagte Ott.  Dies sei aber auch eine Folge davon, dass sich Bauern in die industrielle Landwirtschaft zwingen ließen.  Dabei gebe es in der Landwirtschaft völlig andere Voraussetzungen als in der Industrie.  Fabriken seien nicht so von ihrer Umgebung, Bodenbeschaffenheit, Klimafaktoren und anderem abhängig wie die Landwirtschaft.  Die Industrielle Landwirtschaft ziehe das aber nicht in Betracht und versuche Alles überall gleich zu machen.  Zwei Firmen bestimmen welche Hühner weltweit gezüchtet würden und obwohl die Hälfte aller Nutztiere Kühe seien, seien wiederum die Hälfte dieser jetzt Variationen von „Holsteinern“.  „Wenn uns das nicht bewusst wird, geht es immer so weiter und wir manövrieren uns in eine Sackgasse“, sagte Ott.  „Es wird uns eine globale Wirtschaft aufgezwungen, die den Markt als Alleslöser sieht“  Dabei löse der Markt keine Probleme, sondern kreiere sie sogar noch, meinte Ott.  Die Marktgerechte industrielle Landwirtschaft erfinde imaginäre Höfe und wolle reale Bauern dazu zwingen mit diesen zu konkurrieren.  Dabei würden sie natürlich auch gezwungen gegeneinander zu konkurrieren, statt zusammenzuarbeiten  Deshalb müssten Bauern selbst ein System der Zusammenarbeit entwickeln und sich den Entwicklungen der industriellen Landwirtschaft entgegenstellen.

Eine weitere Entwicklung, die Ott anprangerte war die Verfütterung von Kraftfutter.  Diese diene nur den Profiten von Großkonzernen, beteuerte der Referent.  Es gebe keinerlei Beweise dass Kraftfutter den Milchertrag signifikant steigere.  In Europa würden trotzdem pro Kuh und Jahr etwa zweieinhalb Tonnen Kraftfutter verfüttert, sagte Ott.  Von dem Getreide, das für dieses Kraftfutter verwendet wird, könnten fünf Menschen ein Jahr lang leben.  An Kühe verfüttert bringen die zweieinhalb Tonnen Kraftfutter aber gerade einmal einen zusätzlichen Mehrertrag an Fleisch und Milch um einen Menschen zu ernähren.  Durch den direkten Gebrauch des Getreides für Menschennahrung, ohne den Umweg über das Kraftfutter für Kühe, könnten also zusätzlich vier Menschen ernährt werden.  Zudem würden überall auf der Welt Urwälder gerodet um dieses Kraftfutter anzubauen und dabei die Existenzen der dortigen Kleinbauern vernichtet.  Kuhmägen seien auch gar nicht geeignet Kraftfutter, Getreide, zu verdauen und Kühe bekämen deshalb gesundheitliche Probleme.

Eine der Fragen, die während und nach dem Vortrag gestellt wurden, war über Kuhhörner.  Kühe seien sehr sensibel und Hörner seien für die Kuh ein empfindliches Instrument ihre Umgebung wahrzunehmen und Signale zu geben, sagte Ott.  Die Hörner zu entfernen sei etwa dem Herausschneiden der Zunge beim Menschen gleichzusetzen.  An der Stellung des Kopfes und der Hörner signalisierten Rinder ihre Rangordnung in der Herde und ihre Absichten.  Wenn Probleme auftreten, wie Aggressivität und Verletzungen durch Hörner, sie das generell ein Zeichen von Überbevölkerung im Stall, sagte Ott.

Leonhard Strasser dankte Ott für dessen sehr interessanten Vortrag und dem Publikum für die Teilnahme an der Diskussion, während und nach dem Vortrag und sagte er sei glücklich über die Zahl der Besucher und hoffe sie würden so zahlreich zu weiteren Veranstaltungen des Agrarbündnisses BGL / Traunstein kommen.

Rückblick auf 2013

Weibhausen. (al) Als sich vor etwa zweieinhalb Jahren einige Erzeuger-, Verbraucher- und Naturschutz-Organisationen in ein neues Bündnis einbrachten war ihr Ziel, Erzeuger und Verbraucher einander näher zu bringen, um die bäuerlich-kleinstrukturierte Landwirtschaft, sowie eine ökologisch intakte Kulturlandschaft und das Gemeinwohl zu erhalten und zu fördern.  Natürlich sollte durch das Sprechen mit einer gemeinsamen Stimme auch ein größeres Publikum und mehr öffentliche Präsenz erreicht werden, als die einzelnen Organisationen könnten.  Dabei sollte aber streng darauf geachtet werden, dass das Bündnis politisch und wirtschaftlich unabhängig bleiben würde, jede der Organisationen ihre eigene Identität behält, sich nicht unbedingt und zwingend in alle Angelegenheiten einbringen müsse und auch außerhalb des Bündnisses eigene Ziele verfolgen könne.

So attraktiv waren Angebot und Ziele des Bündnisses, das ursprünglich vor Allem von Leuten aus der Zivilcourage Bewegung, wie Leonhard Strasser, Georg Planthaler, Beate Rutkowski, Gertraud Gafus, Sepp Hubert, Sepp Lamminger und Alois Beer gegründet worden ist, dass sich schon bald weitere Organisationen anschlossen.

Kürzlich hielten Mitglieder des Bündnisses bei einem Essen und gemütlichem Zusammensein im Gasthaus Weibhausen einen Rückblick auf das Jahr 2013.  Der Sprecher des Bündnisses, Leonhard Strasser verlas bei dieser Rückschau aus einer Liste, die nicht weniger als 51 Einträge enthielt.  Praktisch jede Woche hatten das Agrarbündnis, oder Mitglieder, eine Veranstaltung gemacht, oder eine besucht und darin mitgewirkt.  Das Jahr hatte schon mit einem Paukenschlag, nämlich einer, zusammen mit dem BDM, arrangierten Fahrt nach Berlin und der Teilnahme an der Demo; „Wir haben es satt“ und dem Milchsymposium begonnen.  Danach gab es Veranstaltungen mit so namhaften Referenten wie der Tierärztin Dr. Anita Idel, dem Agrarsprecher der Grünen im Bundestag, MdB Ebner, Prof. Dr. Antonio Andrioli, Sozialwissenschaftler und Agrarexperte aus Brasilien und dem Bundesvorsitzenden des BUND, Dr. Hubert Weiger.  Außerdem trafen sich Mitglieder des Agrarbündnisses mit Politikern aller Parteien von der Kreisebene aufwärts bis zur Europaebene, wie den Länder-Agrarministern Bonde, Brunner, Harbeck, Höfken, und Maier sowie Renate Künast und dem Agrarsprecher der Grünen im Europaparlament, Martin Häusling.  Außer an der Demo in Berlin nahmen Mitglieder des Agrarbündnisses auch an der Demo „Mia hams satt“ in München und den Aktionen der Milchbauern bei den Länder-Agrarministerkonferenzen in Berchtesgaden, Würzburg und München teil, um nur einige zu nennen.  Das Agrarbündnis sieht seine Aufgabe aber nicht nur darin an Demos teilzunehmen, mit Politkern zu diskutieren oder Referenten zuzuhören, sondern den Mitgliedern Möglichkeiten zu bieten sich zu informieren und eine naturnahe und naturverträgliche Landwirtschaft zu ermöglichen. Dazu wurden mehrere Hofbegehungen und Besuche von auf alternative Art betriebenen Höfen gemacht, wie dem des Simmerlbauern, der „das Gras wachsen hört“ in Niederbayern oder dem Sepp Braun bei Freising, dem „Bauern mit den Regenwürmern“.

Nachdem mehrere Verbraucher-Organisationen und Selbstvermarkter, wie „Slow Food“, Eine Welt Läden, die Direktvermarkter zwischen Watzmann und Waginger See, die Solidargemeinschaft BGL e. V. und weitere im Bündnis vertreten sind, reißt auch die Verbindung zu den Verbrauchern nicht ab, denn deren Eingaben und Belange werden immer in die Diskussionen innerhalb des Bündnisses einbezogen.  Das zeigen auch die Teilnahmen an verbraucherorientierten Ausstellungen und Events, wie bei der Truna in Traunstein, oder den Brückentagen in Hammerau und diversen Hof-Festen, über die Strasser berichtete.

Die Mitglieder beim Treffen und Essen in Weibhausen waren deshalb sehr zufrieden mit den Aktivitäten des Bündnisses im Jahr 2013 und versprachen auch im Jahr 2014 eifrig weiterzumachen um ihre Ziele zu erreichen.