In Gefahr, aber unverzichtbar, die Tanne

Weibhausen. (al) Einen „Wald ohne Tannen“ dürfe es in unseren voralpinen und alpinen Regionen nicht geben, beteuerte der vom Agrarbündnis BGL / TS und mit Unterstützung der WBV, der ANW, des ÖJV und der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel eingeladene Referent Wolf Hockenjos aus Schwenningen, der bis zu seiner Pensionierung in 2005 Leiter des staatl. Forstamtes Villingen-Schwenningen war, neulich bei seinem Vortrag im Gasthaus Weibhausen vor vollbesetztem Saal. Allerdings sei dem Tannenbestand in den letzten Jahrzehnten arg zugesetzt worden und ihr Vorkommen habe sich sogar im Schwarzwald sehr verringert. Jetzt erlebe die Tanne (Albies alba) aber eine Renaissance, durch die sie wieder ihre frühere Bedeutung erhalten könne, wenn die Waldbauern und Jäger einigen eigentlich einfachen Regeln folgen würden, meinte Hockenjos in seinem Vortrag.

Begrüßt wurde Hockenjos vom Sprecher des Agrarbündnisses, Leonhard Strasser, der zugleich auch Landwirtschaftsamtsleiter Alfons Leitenbacher und mehrere Vorstände und Mitglieder von Waldbesitzer- und Umweltverbänden begrüßte.

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Wolf Hockenjos, von 1980 bis 2005 (Pensionierung) Leiter des staatl. Forstamtes Villingen-Schwenningen, plädierte in seinem Vortrag in Weibhausen für eine Renaissance der Tanne in unseren Wäldern. Foto: Alois Albrecht

Die Umweltbelastung durch Industrie-, Verkehrs und Jagd, statt waldfreundlicher Gesetzgebung habe der Tanne nicht nur im Schwarzwald arg zugesetzt, sagte Hockenjos. Die früher allgegenwärtige Tanne sei zur Rarität verkommen. Erst in den letzten Jahren, nachdem die Schwefelbelastung durch strengere Emissions- und Abgasgesetze im Verkehrs- und Baubereich zurückgegangen sei, habe sie sich, regional unterschiedlich, wieder etwas erholt. Das sei gut so, denn die Tanne sei ein immens wichtiger Baum für einen gesunden Wald. Durch ihre tiefen Wurzeln sei sie viel sturmschadensicherer als die Fichte und durch ihr langsameres Wachstum habe ihr Holz eine größere Dichte und sei langlebiger als manch andere Nadelbaumarten. Hockenjos zeigte dazu Fotos von mehr als 500 Jahre altem Tannengebälk im Freiburger Münster und anderen Plätzen. Allerdings sei die Tanne nach wie vor durch übermäßigen und ruinösen Wildverbiss beeinträchtigt, beteuerte der Referent.

Die Tanne sei ein „Charakterbaum“, meinte Hockenjos und eigentlich sollten unsere Wälder zum größten Teil aus Tannen und Buchen bestehen. Die Tanne habe eine „phänomenale“ Wachstumspotenz und könne selbst im hohen Alter noch kräftig zulegen bei ihrem Wachstum. Zudem sei die Weißtanne weitaus besser geeignet als die Fichte in Zeiten des Klimawandels zu bestehen. Sie sei besser gewappnet gegen Trockenheit, Stürme und Schadinsekten. Leider schwankten jetzt die Tannenvorkommen in den Süddeutschen- voralpinen und alpinen Wäldern aber nur zwischen einem Anteil von etwa acht und 20 Prozent. Bayernweit betrage der Anteil der Tannen an der gesamten Holzbodenfläche nur zwei Prozent, sagte Hockenjos. Es liege an den Waldbesitzern und den Jägern diese Situation zu ändern. Von einem Großteil der Jägerschaft sei allerdings nicht viel zu erwarten in dieser Hinsicht, denn sie befürworteten sogar die Herabstufung der Tanne zur „Nebenbaumart“, weil nur die Wildverbissschäden an den „Hauptbaumarten“ von den Jagdpächtern ersetzt werden müssten. Zudem sei ein Großteil der Jägerschaft strikt gegen eine Wiedereinbürgerung natürlicher Konkurrenten und Beutegreifer, wie dem Luchs. Auch Einzäunungen brächten nicht viel, meinte Hockenjos, denn der Druck auf die Areale außerhalb der Zäune würde dadurch nur noch erhöht. Auch Wildfütterungen durch die Jäger prangerte der Referent an, denn der Winter sei von Natur aus ein guter Regulator des Wildbestandes. Hockenjos beklagte zudem den Einfluss der großen und gut organisierten Jäger-Lobby auf die Politik.

So bleibe es vor Allem den Waldbesitzern vorbehalten gegen den Wildverbiss anzukämpfen. Die vom 19-ten Jahrhundert bis 1976 verpönte „Plentenstruktur“ des Waldes, bei der der Wald aus mehreren Ebenen und Arten, von kleinen Büschen und Bäumchen bis hin zu großen, alten Bäumen besteht sollte wiederbelebt werden, meinte Hockenjos, dann habe auch die Tanne wieder Chancen zu einem wichtigen Bestandteil unserer Wälder zu werden. Wälder mit Albies alba, Weißtanne, versprechen höchste Qualität für Bestand des Bergmischwaldes, sagte Hockenjos abschließend.

Leonhard Strasser meinte es gebe überall Probleme in den Wäldern, nicht nur bei uns. „Wir fahren aber sicher besser mit einem ökologischen Waldbau“ und es sei besonders wichtig in Zeiten des Klimawandels einen guten Wald und eine gesunde Landwirtschaft zu erhalten.

Alfons Leitenbacher dankte Hockenjos für dessen Plädoyer für die Tanne. Die Tanne sei ein wichtiges Maß, ob es uns gelingt einen guten Wald zu bekommen und zu erhalten, meinte er. Leitenbacher sagte, der Wald zeige wie gejagt werden müsse und damit sei die Jagd die wichtigste „Stellschraube“ für einen gesunden Wald. Allerdings, meinte Leitenbacher, wir könnten nicht immer die Schuld nur bei Anderen sehen, sowohl Bauern als auch Jäger müssten einen gemeinsamen Beitrag leisten zur Verbesserung und Erhaltung der Wälder. Hockenjos stimmte dem zu, sagte aber, die Jägerschaft müsse wegkommen von der jagdfreundlichen Philosophie Hermann Görings.

In der folgenden Diskussion sagte Hans Praxenthaler, wir brauchen einen Mischwald, statt Monokulturen. Die Flächen würden immer weniger und genau wie in der Landwirtschaft insgesamt sollte darauf geachtet werden, die „Strukturen nicht über den Kopf wachsen zu lassen und nur so viel aus dem Wald zu nehmen, wie für diesen verträglich sei“.

Hockenjos zitierte dazu abschließend eine babylonische Keilschrift, in der es heißt; „Weißt du nicht, dass die Wälder das Leben eines Landes sind“.

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