Afrika und seine Menschen haben eine Chance

 

„Sei stolz, dass Du Bäuerin werden willst!“

Teisendorf. (al) Es ist sicher nicht ein alltägliches Vorkommen, dass eine Kleinbäuerin aus Zimbabwe einer jungen Frau, die in Bayern Bäuerin werden will, zu ihrer Berufswahl gratuliert und ihr rät, stolz zu sein auf diese Entscheidung. Elisabeth Mpofu ist auch nicht irgendeine Bäuerin, sondern die Generalsekräterin der weltweiten Kleinbauern-Organisation „Via Campesina“, ein Zusammenschluss von über 160 Einzelorganisationen in 63 Ländern. Mpofu hat am eigenen Leib und mit ihrem eigenen Bewusstsein erfahren, was die Entscheidung, eine Kleinbäuerin sein zu wollen bedeutet. Etwa zehn Hektar bearbeitet sie, zusammen mit ihrem Mann im südostafrikanischen Land. Die Schwierigkeiten, die sie, nicht nur in ökonomischer Hinsicht, bei der Ausübung ihres Berufes als Bäuerin dabei zu überwinden hatte und immer noch hat, sind mindestens eben so groß, wie jene die auf eine junge bayerische Bäuerin zukommen würden.

Elisabeth Mpofu, Kleinbäuerin aus Zimbabwe Foto:Albrecht

Elisabeth Mpofu, Kleinbäuerin aus Zimbabwe
Foto:Albrecht

Begleitet von Angela Müller, der Referentin für Agrarpolitik und Welternährung der „Mission Eine Welt“ und auf Einladung mehrerer Organisationen, wie der AbL, attac, BDM, Bund Naturschutz und Weiterer, hielt Elisabeth Mpofu einen Vortrag mit nachfolgender Diskussion im Gasthof „Alte Post“ in Teisendorf. Im fast bis zum letzten Platz besetzten Saal hieß Leonhard Strasser, Organisator des Agrarbündnisses BGL / TS, das als Veranstalter des Abends fungierte, Mpofu, Müller, Gertraud Gafus, Bundesvorsitzende der AbL, Albert und Liesi Aschauer, die stellvertretenden Vorsitzenden des BDM im BGL, Agnes Thanbichler, Stadt- und Kreisrätin aus Laufen und Sprecherin der attac Gruppe Rupertiwinkel, sowie Dr. Josef Heringer, den früheren Leiter der ANL (Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege) Laufen willkommen und freute sich über das große Interesse, das dieser Vortrag offensichtlich erhielt.

Als Einführung für den Vortrag wurde ein kurzer Film über die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Äthiopien gezeigt. Dieser legte dar, wie sehr Kleinbauern in diesem Land, und nicht nur dort, unter dem Druck von internationalen Investoren und Großkonzernen stehen und leiden. Diese Investoren und Konzerne seien vorrangig nicht wirklich daran interessiert, den Menschen in Afrika zu helfen und Nöte zu lindern oder zu eliminieren, sondern am Profit, den sie aus ihrem Engagement erhalten können, wie der Film anschaulich an mehreren Beispielen darlegte. „Landgrabbing“, Land-raffen und Profitmaximierung seien die treibenden Kräfte dabei. Elisabeth Mpofu hieb in dieselbe Kerbe, mit ihrer Behauptung, die Investoren nisteten sich überall dort ein, wo es billiges Land gebe und die Konzerne versuchten, die traditionelle, kleinbäuerliche Landwirtschaft mit einer industriellen, zumeist exportorientierten zu verdrängen. Dabei bleibe die Ernährungssouveränität für die einheimische Bevölkerung auf der Strecke. Mpofu meinte, es gebe genug Essen für Alle in Afrika und zitierte als Beispiel dafür die Tonnen Mais, Hirse und anderen Produkte, die sie auf ihrem kleinen Grundstück erzeuge. Probleme ergäben sich aber durch die Verhinderung des Zugangs zu Märkten, zu fairen und kostendeckenden Preisen und den Konkurrenzdruck durch subventionierte Importe aus Ländern wie Südafrika (in Zimbabwe), oder Europa, insbesondere in den dicht bevölkerten westafrikanischen Küstenregionen. Die zweifellos bestehenden Hungersnöte in Afrika seien in erster Linie auf Handelsregeln zurückzuführen, die Importe und Großkonzerne bevorzugen und den Anbau von einheimischen, traditionellen Lebensmitteln in einer kleinbäuerlich strukturierten Landwirtschaft behindern.

In der dem Vortrag folgenden Diskussion wurde die niedrige soziale Stellung der herkömmlichen kleinstrukturierten Landwirtschaft, sowohl in Afrika als auch in Europa, angekreidet. Eine Frage befasste sich mit der hier immer wieder zitierten Korruption in Afrika, die als Hemmnis für eine gute und ausreichende Produktion von Lebensmitteln und anderen Dingen gelte. Mpofu meinte dazu, in Afrika, genau wie in Europa und anderen Teilen der Welt, gebe es gute und schlechte, korrupte Regierungen und Behörden. Die Verhältnisse aber alleine darauf zurückzuführen, greife zu kurz. Zudem könnten auch in den meisten afrikanischen Ländern korrupte Regierungen abgewählt werden, wenn die Bevölkerung sich mehr für die Politik und ihre Machenschaften interessieren würde. Dies sei eine Botschaft, die hier wie dort von engagierten Menschen verbreitet werden müsse. Dies sei auch der Antrieb für ihr eigenes Engagement. Zudem müsse die soziale Stellung und Akzeptanz der kleinstrukturierten, bäuerlichen Landwirtschaft hier wie dort angehoben werden, denn wie auch in der Diskussion deutlich wurde, die Bauern sind es, die eine gute, sichere Versorgung der gesamten Gesellschaft mit Lebensmitteln erst ermöglichen. Dabei sollte sehr darauf geachtet werden, meinte Mpofu, einen natürlichen und guten Boden zu erhalten und zu fördern und auch die Tierzucht danach auszurichten, statt auf Chemikalien, Hormone, Gentechnik und Pestizide zu bauen.

Fast emotional wurde Mpofu, als sie bei einem der letzten Punkte in der Diskussion der fragenden, jungen Frau riet, eine Bäuerin zu werden und stolz darauf zu sein.

Interview mit Elisabeth Mpofu, Zimbabwe

Fürmannalm/Anger. (al) Am Nachmittag des 21. 1. 2015, vor dem Vortrag der Kleinbäuerin Elisabeth Mpofu aus Zimbabwe, Generalsekräterin der Kleinbauernorganisation Via Campesina und Mitbegründerin regionaler Bauernorganisationen am Abend desselben Tages in der Alten Post in Teisendorf, hatte der freie Journalist Alois Albrecht (al) die Chance, Mpofu zu anderen Themen, als jenen, die sie in ihrem Vortrag vorbringen würde zu befragen. Die Fragen hatten nicht nur mit dem Land im Südosten Afrikas zu tun, sondern auch mit der generellen Situation von Kleinbauern in afrikanischen Ländern.

Das Interview:

Frau Mpofu, wie ist das Land in Zimbabwe nach dem Absetzen der weißen Minderheitsregierung von Ian Smith verteilt worden?

Zuerst wurden die etwa 4500 weißen Großgrundbesitzer, wie im zwischen dem 10. 9. und 15. 12. 1979 ausgehandelten „Lancaster House Agreement“ vorgesehen, weiterhin bevorzugt behandelt. Die oft immer noch fast wie Sklaven behandelten Schwarzen bewirtschafteten für die wenigen Großgrundbesitzer etwa 70 Prozent des fruchtbaren Agrarlandes. In 2000 begann Präsident Robert Mugabe die Weißen zu enteignen und deren Ländereien großenteils unter seine Anhänger zu verteilen. Dabei entstand viel Misswirtschaft, deren Resultate durch Dürreperioden noch verschärft wurden. Erst in etwa 2008 konnten dann Kleinbauern Land auf einer für 99 Jahre gültigen Pacht-Basis für sich in Anspruch nehmen. Ich bin eine dieser Bäuerinnen und habe etwa 10 Hektar, die ich und mein Mann bewirtschaften. Wir bauen Mais, Sorghum und einige Hirsearten, sowie Gemüse an und haben ein paar Kühe, Ziegen und Hühner.

Sie engagieren sich in Via Campesina und weiteren Kleinbauernorganisationen, was wollen sie damit erreichen?

Ich möchte damit die traditionelle, kleinbäuerliche Landwirtschaft, die nicht vorrangig auf Profit ausgerichtet ist, sondern auf den Erhalt des fruchtbaren Bodens, der Biodiversität und der Ernährungssicherheit der Bauern und ihrer Region erhalten und fördern.

 

Sie sind auf einer mehrtägigen Deutschlandtour, um Leuten hier ihr Leben als Kleinbäuerin in Afrika zu schildern. Welche Bedrohungen sehen Sie jetzt in Afrika für die kleinbäuerliche, traditionelle Landwirtschaft, wie Sie sich diese vorstellen?

Natürlich stellen die Konflikte in manchen afrikanischen Ländern eine Bedrohung für die Kleinbauern dar. Aber eine noch größere Bedrohung sehe ich durch die Einmischung und das Kontrollieren wollen der Europäer und Amerikaner, vor Allem der G8, die jetzt durch den Ausschluss Russlands zur G7 geworden ist. Diese Organisation behandelt uns immer noch, als ob wir ihre Kolonien wären. Dabei werden hinter verschlossenen Türen von Politik und Lobbyisten großer Agrar-Konzerne Verträge und Vorgehensweisen ausgehandelt, ohne jeglichen Einbezug und Einfluss der afrikanischen Gesellschaften und Kleinbauern. Diese Verträge dienen eigentlich nur diesen großen Konzernen und deren Profitmaximierung.

Können Sie dazu spezifische Beispiele nennen und deren Effekt an afrikanischen Kleinbauern?

Eine Initiative der damaligen G8, die „New Alliance for Food Security and Nutrition in Afrika“ (Neue Allianz für Ernährungssicherheit in Afrika), ist dafür ein gutes Beispiel. Diese „Allianz“ wurde beim G8 Treffen in 2012 in Camp David (Maryland, USA), beschlossen und von Präsident Barack Obama verkündet. Der britische Premierminister Don Cameron gab dabei das Versprechen für die Allianz „Die ganze Macht des Privatsektors zu mobilisieren“. Die Allianz stellt sich auch als Element des „Comprehensive Africa Agriculture Development Program“ (Umfassendes afrikanisches Agrar Entwicklungsprogramm) (CAADP) dar. In Wirklichkeit weicht es aber substanziell von dessen Zielen, afrikanische Kleinbauern zu fördern, ab und untergräbt sie sogar. Von allen politischen Beschlüssen für die Allianz wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die später veröffentlichten, generellen Zusammenfassungen erschweren es den Kleinbauern, ein volles Bild über die Machenschaften der Neuen Allianz zu erhalten. Offensichtlich zielt die Allianz aber auf eine Industrialisierung der Landwirtschaft. Durch sie wird Land-raffen in großem Stil ermöglicht und die Verwendung und Weitergabe einheimischen Saatgutes zwischen den Kleinbauern unterbunden. Zu viel Betonung legt die Allianz auch auf Pflanzen und Produkte, wie Tabak, die offenbar für den Export bestimmt sind, statt der Ernährungssouveränität der Bevölkerung zu dienen. Als Beispiele können dabei Burkina Faso, Malawi, Tansania und Mosambik gelten. In Burkina Faso sind nur 22 Prozent des verfügbaren Landes für Kleinbauern bestimmt, der Großteil ist dagegen für Großinvestoren reserviert. In Malawi werden gegenwärtig schon 200000 Hektar an Großinvestoren verschachert und der Anbau von Tabak als Beitrag zur Ernährungssicherheit bezeichnet. In Tansania und Mosambik werden neue Gesetze verabschiedet, die den informellen Austausch von Saatgut unter Bauern und Bäuerinnen kriminalisieren. Offensichtlich wird die Allianz auch von vielen NGO´s (Non-Governmental Organisationen) (Nicht-Regierungs-Organisationen) sehr kritisch gesehen, denn, wie ich weiß, haben allein in Deutschland schon zehn dieser NGO´s und 80 Weltweit eine Petition gegen die Allianz unterzeichnet. Mit der Allianz verhält es sich meiner Ansicht nach genau so, wie mit TTIP und TiSA, bei denen die Verhandlungen auch völlig undemokratisch geführt und die Resultate dann der Bevölkerung übergestülpt werden sollen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, durch Dinge, wie die Allianz, TTIP und TiSA könnte nicht nur neuer Kolonialismus, sondern sogar eine fast Weltweite Wirtschaftsdiktatur entstehen?

Genau!

Jahresrückblick 2014

von Michaela Assmann

Auf ein aktives und arbeitsreiches Jahr blickten die Mitglieder des Agrarbündnisses Berchtesgadener Land-Traunstein anlässlich ihres Jahrestreffens im Gasthaus Alpenblick in Weibhausen zurück. Gleichzeitig forderte der Sprecher der Aktionsgemeinschaft, Leonhard Strasser aus Wonneberg, die Anwesenden auf, mit Mut und Intelligenz, Beharrlichkeit und Leidenschaft an den unterschiedlichen Projekten weiter zu arbeiten. Ein Schwerpunkt werde dabei auch 2015 die geplante Handels- und Investitionspartnerschaft zwischen der EU und den USA (TTIP) darstellen, kündigte Strasser an.

Zu Beginn seines Tätigkeitsberichtes zitierte der Bündnissprecher einige Passagen aus der eindringlichen Rede von Papst Franziskus an Vertreter der Volksbewegungen zu den Themen Boden, Wohnung und Arbeit. Darin hatte das Oberhaupt der Katholischen Kirche unter anderem den Aufkauf der Böden, das Abholzen der Wälder, die Aneignung des Wassers und den unangemessenen Einsatz von Pestiziden angeprangert und die Ernährung als ein unveräußerliches Recht angemahnt. Es sei ein Skandal, wenn Finanzspekulation den Preis für Lebensmittel bestimmt und gleichzeitig tagtäglich Tonnen von Lebensmittel weggeworfen werden. Eine Agrarreform sei deshalb nicht nur eine politische Notwendigkeit, sondern eine moralische Verpflichtung. Zudem gelte es, zwei wertvolle Güter zu verteidigen: den Frieden und die Natur. Es könne keinen Boden zum Bebauen und Bewahren, keine Wohnung und keine würdevolle Arbeit geben, wenn die Menschen Kriege führten und den Planet zerstörten. Die Schöpfung sei kein Besitz, über den man nach Gutdünken verfügen könne, sondern ein Geschenk, das dem Mensch anvertraut wurde, damit er es zum Wohle aller mit Respekt und Dankbarkeit nutzt. Nicht die Anhäufung von Gütern durch einige Wenige, sondern die Menschenwürde aller müsse im Mittelpunkt des Systems stehen.

Mit der Demonstration „Wir haben es satt!“ vor dem Kanzleramt in Berlin begann das Jahr für das Agrarbündnis Berchtesgadener Land-Traunstein. Auch heuer beteiligen sich die Mitglieder wieder zahlreich an der Kundgebung, in der gegen Tierfabriken, Gentechnik und TTIP protestiert und eine Neuausrichtung der Agrarpolitik sozial gerecht, bäuerlich, ökologisch und umweltschonend gefordert wird.

Ein riesiger, nicht in diesem Ausmaß erwarteter Erfolg war der Vortrag „Kühe verstehen“ von Martin Ott im Gasthaus Alpenblick. 450 Besucher wollten Otts Beobachtungen, Erfahrungen und Gedanken über die Kuh und einem respektvolleren Umgang mit dem Nutztier hören. „Im ganzen Wirtshaus gab es keinen einzigen freien Stuhl mehr“, erinnerte sich Leonhard Strasser. Weitere gut besuchte Vorträge mit namhaften Referenten befassten sich unter anderem mit dem Umwelt- und Naturschutz (Robert Mertl), dem Erhalt der Weißtannen (Wolf Hockenjos), dem Einsatz von Antibiotika in der Milchviehhaltung sowie immer wieder mit dem geplanten Freihandelsabkommen, unter anderem mit Dr. Fritz Glunk, dem Herausgeber der Gazette. Auch Strasser selbst beteiligte sich zusammen mit der Grünen-Landtagsabgeordneten Gisela Sengl, Hermann Eschenbeck (BUND) und Helmut Kauer (ÖDP) zum Thema TTIP an einer Podiumsdiskussion in Übersee und vertritt das Agrarbündnis in der Ökomodellregion Waginger See im Ausschuss für Artenvielfalt.

Auch in diesem Jahr hat das Agrarbündnis wieder zahlreiche Veranstaltungen geplant. Den Anfang macht Elizabeth Mpofu. Die Biobäuerin aus Zimbabwe und Generalsekretärin der weltweiten Kleinbauernorganisation Via Campesina, erläutert am Mittwoch, 21. Januar, 19.30 Uhr, im Gasthof Alte Post in Teisendorf die Lebens- und Ernährungssituation der Menschen in Afrika und welchen Einfluss die deutsche und europäische Agrarpolitik darauf nimmt. Unter dem Motto „Konzerne profitieren, Menschen verlieren“ wird sich zudem eine Veranstaltung mit TTIP und seinen kommunalen Auswirkungen beschäftigen. Auch eine Demonstration zu diesem Thema ist noch im ersten Halbjahr vorgesehen. „TTIP ist der Versuch von Politik und Wirtschaft, unter dem Deckmantel des freien Handels gesellschaftliche Errungenschaften abzubauen. Diese geplante Handels- und Investitionspartnersschaft ebnet keinen Weg, um Wirtschafts-, Energie- und Umweltkrisen zu lösen, sondern bringt uns einer unsolidarischen Welt und einer konzerngesteuerten Schein-Demokratie näher“, waren sich die Mitglieder einig.

Voraussichtlich Anfang März will das Agrarbündnis zudem seinen rund zweistündigen Film über die heimische, kleinstrukturierte Landwirtschaft und ihre vielfältigen, oft nicht bewusst wahrgenommenen Auswirkungen auf viele unserer Lebensbereiche präsentieren. Der aufwändig, mit viel Herzblut produzierte Film, der ausschließlich von und mit Laien gedreht wurde, lässt nicht nur Landwirte, Waldbauern und Imker zu Wort kommen, sondern zeigt auch einzigartige Luftbilder und Landschaftsaufnahmen zwischen Chiem- und Königssee. Knapp ein Jahr hat das Filmteam des Agrarbündnisses unentgeltlich an diesem Projekt gearbeitet. „Wir wollen mit dem Film zeigen, welche landwirtschaftlichen Strukturen in unserer Region noch vorhanden sind, und wie wichtig es ist, diese zu erhalten, damit die von den Bauern erbrachten Gemeinwohlleistungen wie beispielsweise der Schutz des Grundwassers, der Gewässer, des Bodens, des Klimas und der Tiere sowie der Erhalt der Artenvielfalt nachhaltig gesichert werden können. Gleichzeitig ist es uns ein wichtiges Anliegen, aufzuzeigen, wie eng die Landwirtschaft und unsere regionalen Wirtschaftskreisläufe zusammenhängen. Und letztlich wollen wir einen Bogen spannen zu den Ländern der Dritten Welt und dem Einfluss unserer Landwirtschaft dort“, erläuterte Beate Rutkowski. Dabei setze der Film ganz bewusst auf visuelle Reize anstatt auf den mahnend erhobenen Zeigefinger. mia

 

Stellungnahme des Agrarbündnis BGL/TS zum Ende des Jahres der bäuerlichen Familienbetriebe

 

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte das Jahr 2014 zum internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft ernannt.

Dadurch sollte nicht nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass kleinbäuerliche Familienbetriebe einen erheblichen Beitrag zur Ernährungssicherung, Armutsbekämpfung und nachhaltiger Lebensmittelproduktion leisten, sondern vor allem auch auf die Bedeutung solcher Familienbetriebe für den Schutz unserer Umwelt und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen in den Vordergrund gestellt werden.

Aus diesen Grund muss eine politische Unterstützung für die Förderung nachhaltiger Agrarsysteme und bäuerlicher Familienbetriebe weltweit mobilisiert werden.

Die positiven Wirkungen einer bäuerlich strukturierten Agrarlandschaft für die ganze Gesellschaft werden von der Bundesregierung immer noch verkannt. Wie ernst Deutschland und die EU das Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe nehmen, zeigt schon die Umsetzung der Europäischen Agrarreform. Immer noch werden die europäischen Direktzahlungen zu Gunsten der hektarstarken Großbetriebe aufrechterhalten, welche ohnehin schon große Vorteile gegenüber kleinen und mittleren Strukturen haben. Der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, dass man die kleinen Betriebe unterstützen will, doch in Wirklichkeit profitieren nur die Großbetriebe von dieser Politik.

Eine bäuerliche Struktur muss den Staat nicht mehr kosten als bisher. Berücksichtigt man die Folgeschäden der jetzt schon absehbaren Fehlentwicklungen (z.B. bei der Artenvielfalt, beim Trinkwasser, bei Bodenerosion und Bodenfruchtbarkeit), so darf die bäuerliche Struktur gesamtwirtschaftlich als ökonomischer angesehen werden. Die Mittel müssten nach einem besseren Schlüssel verteilt werden, der dem gesellschaftlichen Nutzen der Bäuerlichkeit gerecht wird, nicht den Einzelinteressen von Wenigen, die gesellschaftlich nicht gerechtfertigt werden können. Nimmt man die Fläche als Grundlage der Förderung, ist damit ein struktureller Anreiz zur Betriebsvergrößerung geschaffen. Würde man dagegen den Arbeitszeitbedarf pro Betrieb als Messgröße zugrunde legen, ergänzt mit einer nach ökologischen Faktoren gestaffelten Flächenprämie, so käme für die bäuerlichen Betriebe ein weit günstigeres Ergebnis zustande, welches deren Bedeutung und gesellschaftlichen Leistung besser entspräche.

Die Berufsgruppe der Bauern braucht die Unterstützung der gesamten Öffentlichkeit, der Konsumenten wie der Politik, auch zugunsten einer heimatgebenden Landschaft, die es nicht kostenlos gibt. Wenn ein gesellschaftlicher Konsens über die Ziele der Agrarentwicklung hergestellt ist, werden sich auch Wege finden, diese zu fördern. Dazu zählen unter anderem Herkunfts- und Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln, Gesundheitserziehung, Binnenmarktorientierung, Betonung regionaler Wirtschaftskreisläufe, sowie Unterstützung des regionalen Lebensmittelhandwerks.

Die Bayerische Agrarpolitik enthält im Ziel schon einige Bemühungen, die Bäuerlichkeit zu erhalten. In anderen Bundesländern wird eine derartige Zielsetzung noch vermisst. Der Dialog um eine zukunftsfähige Landbewirtschaftung muss weitergehen. Bäuerlichkeit bedarf einer Vorwärtsstrategie, nicht einer fortwährenden Propagierung eines endlosen Größenwachstums, denn dieser bedeutet nicht nur das Aus für bäuerliche Familienbetriebe sondern auch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.

 

Rede von Papst Franziskus beim Treffen der Volksbewegungen

 

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DES INTERNATIONALEN
TREFFENS DER VOLKSBEWEGUNGEN

Alte Synodenhalle
Dienstag, 28. Oktober 2014

Nochmals guten Tag,

es freut mich, hier bei euch zu sein, und ich möchte euch etwas gestehen: Ich bin noch nie hierher gekommen, bin heute zum ersten Mal hier. Wie schon gesagt: Es ist mir eine große Freude, und ich heiße euch herzlich willkommen. Danke, dass ihr dieser Einladung, die schwerwiegenden sozialen Probleme zu debattieren, mit denen die Welt von heute zu kämpfen hat, gefolgt seid – ihr, die ihr am eigenen Leib erfahrt, was es heißt, Opfer von Ungleichheit und Ausgrenzung zu sein. Ich danke Kardinal Turkson für seine Gastfreundschaft: vielen Dank, Eminenz, für Ihre Arbeit und für Ihre Worte.

Diese Begegnung der Volksbewegungen ist ein Zeichen, ein wichtiges Zeichen: Ihr seid gekommen, um vor Gott, vor der Kirche, vor den Völkern, Zeugnis abzulegen für eine Realität, die man oft mit dem Mantel des Schweigens bedeckt. Die Armen erfahren die Ungerechtigkeit nicht nur am eigenen Leib, sie bekämpfen sie auch! Sie geben sich nicht mit illusorischen Versprechungen, Ausreden oder Alibis zufrieden. Sie verlassen sich nicht auf die Hilfe der NGOs, auf Hilfspläne oder Lösungen, die nie kommen oder die – sollten sie doch kommen – letztendlich nur in eine Richtung gehen: zu betäuben oder zu kontrollieren. Das ist ziemlich gefährlich. Ihr hört, dass die Armen nicht mehr warten, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen; sie organisieren sich, sie lernen, arbeiten, sie fordern – ja praktizieren – jene so besondere Solidarität, die leidende Menschen zusammenschweißt – arme Menschen –, und die unsere Zivilisation zu vergessen haben scheint, bzw. nur allzu gern vergessen möchte.

Solidarität ist ein Wort, das nicht immer gefällt; ja, ich würde sagen, wir haben es manchmal sogar zu einer Art Schimpfwort gemacht, das man besser nicht in den Mund nimmt. Aber es ist ein Wort, das sehr viel mehr bedeutet als einige sporadische Gesten der Großzügigkeit. Es bedeutet, dass man im Sinne der Gemeinschaft denkt und handelt, dass man dem Leben aller Vorrang einräumt – und nicht der Aneignung der Güter durch einige wenige. Es bedeutet auch, dass man gegen die strukturellen Ursachen der Armut kämpft: Ungleichheit, das Fehlen von Arbeit, Boden und Wohnung, die Verweigerung der sozialen Rechte und der Arbeitsrechte. Es bedeutet, dass man gegen die zerstörerischen Auswirkungen der Herrschaft des Geldes kämpft: die Zwangsumsiedlungen, die schmerzlichen Emigrationen, den Menschenhandel, Drogen, Krieg, Gewalt und all jene Realitäten, unter denen viele von euch zu leiden haben und die wir alle zu ändern gerufen sind. Die Solidarität, verstanden in ihrem tiefsten Sinne, ist eine Art und Weise, Geschichte zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewegungen tun.

Unsere heutige Begegnung hat nichts mit einer Ideologie zu tun. Ihr arbeitet nicht mit Ideen, ihr arbeitet mit Realitäten wie jenen, die ich erwähnt habe, und vielen anderen, von denen ihr mir erzählt habt. Ihr steckt mit den Füßen im Schlamm und habt die Hände im Fleisch. Ihr riecht nach Viertel, nach Volk, nach Kampf! Normalerweise schenkt man eurer Stimme wenig Gehör – vielleicht, weil sie stört, vielleicht weil euer Aufschrei lästig ist oder die von euch geforderte Veränderung Angst macht. Doch ohne eure Präsenz, ohne wirklich in die Peripherien zu gehen, bleiben alle guten Vorschläge, alle Pläne, von denen wir bei internationalen Tagungen so oft hören, nur leere Worte. Wir wollen, dass man eure Stimme hört. Das ist mein Plan.

Der Skandal der Armut lässt sich nicht vermeiden, indem man Verharmlosungsstrategien betreibt, die letztendlich nur dazu gut sind, die Gemüter zu beruhigen und die Armen zu gut kontrollierten, harmlosen Wesen zu machen. Wie traurig ist es doch, zuzusehen, wie andere unter dem Schutzmantel vermeintlich altruistischer Werke zur Passivität verurteilt, ja verleugnet werden, oder dass sich – und das ist noch schlimmer – dahinter in Wahrheit persönliche Interessen und Ambitionen verbergen: Jesus würde sie als heuchlerisch bezeichnen. Und wie schön ist es dagegen doch, zu sehen, wie Völker, und vor allem ihre ärmsten Mitglieder und die jungen Menschen, in Bewegung sind. Dann ja, dann spürt man ihn tatsächlich, den belebenden Windhauch, der die Hoffnung auf eine bessere Welt verheißt. Möge dieser Windhauch zu einem Hurrikan der Hoffnung werden! Das ist mein Wunsch.

Unserer heutigen Begegnung liegt eine sehr konkrete Sehnsucht zugrunde, etwas, das jeder Vater, jede Mutter für die eigenen Kinder will; etwas, das eigentlich allen zugänglich sein müsste, aber – wie wir heute traurigerweise sehen – für viele Menschen in weite Ferne gerückt ist: Boden, Wohnung und Arbeit. Es ist schon merkwürdig, aber wenn ich davon rede, halten manche den Papst für einen Kommunisten. Man versteht nicht, dass die Liebe zu den Armen im Zentrum des Evangeliums steht. Boden, Wohnung und Arbeit – das, wofür ihr kämpft, sind sakrosankte Rechte. Das zu fordern, ist keineswegs merkwürdig: es entspricht der Soziallehre der Kirche. Ich möchte nun auf jedes dieser Rechte kurz eingehen, weil ihr sie als Motto für diese Begegnung gewählt habt.

Boden. Am Anfang der Schöpfung hat Gott den Menschen zum Hüter seines Werkes gemacht und ihm die Aufgabe anvertraut, es zu bearbeiten und zu bewahren. Ich sehe hier Dutzende von Bauern und Bäuerinnen, und ich danke ihnen und freue mich, dass sie den Boden bewahren, dass sie ihn bebauen und dass sie das in Gemeinschaft tun. Die Entwurzelung vieler unserer Brüder und Schwestern, die Bauern sind, und die gerade deswegen leiden, und nicht wegen der Kriege oder Naturkatastrophen, macht mir Sorgen. Der Aufkauf von Boden, das Abholzen der Wälder, die Aneignung des Wassers, die unangemessenen Pestizide sind einige der Übel, die den Menschen von seinem Heimatboden vertreiben. Diese schmerzliche Trennung ist nicht nur physischer, sondern auch existenzieller und spiritueller Art, weil es eine Beziehung zum Boden gibt, die die Bauern und ihren besonderen Lebensstil immer mehr der Dekadenz preisgibt, ja sie vielleicht sogar zum Aussterben verurteilt.

Die andere Seite dieses Prozesses, der bereits globale Ausmaße angenommen hat, ist der Hunger. Wenn die Finanzspekulation den Preis für Lebensmittel bestimmt und diese als x-beliebige Ware betrachtet, dann müssen Millionen von Menschen darunter leiden und verhungern. Auf der anderen Seite werden Tonnen von Lebensmitteln weggeworfen. Das ist ein Skandal! Andere hungern zu lassen, ist ein Verbrechen; Ernährung ein unveräußerliches Recht! Ich weiß, dass manche von euch eine Agrarreform fordern, um einige dieser Probleme zu lösen, und lasst mich sagen, dass die Agrarreform in einigen Ländern – und hier zitiere ich das Kompendium der kirchlichen Soziallehre –»somit nicht nur zu einer politischen Notwendigkeit, sondern zu einer moralischen Verpflichtung wird« (KSLK 300). Das sage nicht nur ich – es steht im Kompendium der Soziallehre der Kirche! Ich bitte euch also: Kämpft weiter für die Würde der Bauernfamilien, für das Recht auf Wasser, auf Leben – und dafür, dass alle in den Genuss der Früchte der Erde kommen können!

Zweitens, Wohnung. Ich habe es bereits gesagt, und ich wiederhole es: Jede Familie braucht eine Wohnung. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus in einem Stall geboren wurde, weil in den Herbergen kein Platz war; dass seine Familie ihr Heim verlassen und, von Herodes verfolgt, nach Ägypten fliehen musste. Es gibt heute viele Familien, die keine Wohnung haben – weil sie sie nie hatten oder sie vielleicht aus dem ein oder anderen Grund verloren haben. Wohnung und Familie gehören zusammen! Aber ein Dach über dem Kopf reicht nicht. Damit daraus ein wirkliches Heim wird, muss es auch eine Gemeinschaftsdimension haben: das Viertel. Und gerade hier, im Viertel, wird mit dem Bau dieser großen Menschheitsfamilie begonnen, ausgehend von dem, was das Naheliegendste ist: das Zusammenleben mit der Nachbarschaft. Heute leben wir in großen Städten, die sich modern, stolz, ja sogar hochmütig zeigen. Städten, die einer glücklichen Minderheit zahllose Vergnügungen und Wohlstand bieten, aber Tausenden unserer Nachbarn, Brüdern und Schwestern, ja auch Kindern, eine Wohnung verwehren – Menschen, die –wie man so schön sagt – »ohne festen Wohnsitz sind«. Es ist schon seltsam, wie sehr die Euphemismen in einer Welt voller Ungerechtigkeit überhand nehmen! Man nennt die Dinge nicht beim Namen, sondern sucht die Realität im Euphemismus. Ein Mensch, der ausgegrenzt ist, beiseite geschoben; ein Mensch, der Not und Hunger leidet, ist ein Mensch ohne festen Wohnsitz – eine elegante Umschreibung, oder? Doch seid auf der Hut: Ich mag mich ja in dem ein oder anderen Fall auch irren, doch normalerweise steckt hinter einem Euphemismus immer ein Verbrechen!

Wir leben in Städten, die Türme und Einkaufszentren bauen, in denen Immobiliengeschäfte gemacht werden, während ein Teil von ihnen am Rand, in der Peripherie, im Stich gelassen wird. Wie weh tut es doch zu hören, dass Armenviertel ausgegrenzt sind oder – schlimmer noch – dass man sie auslöschen will! Wie grausam sind doch die Bilder der Zwangsräumungen, der Kräne, die die Baracken abreißen – Bilder, die so sehr an die Bilder des Krieges erinnern! Und genau das erleben wir heute. Dabei müsst ihr wissen, dass es in den Arbeitervierteln, in denen viele von euch leben, noch Werte gibt, die man in den Siedlungen der Reichen längst vergessen hat. Diese einfachen Viertel sind mit einer reichen Volkskultur gesegnet. In ihnen ist der öffentliche Raum nicht nur ein Durchgangsweg, sondern eine Erweiterung des eigenen Heims, ein Ort, an dem man Beziehungen zur Nachbarschaft anknüpfen kann. Wie schön sind doch Städte, die das ungesunde Misstrauen überwinden und die Menschen, die anders sind, integrieren. Städte, die diese Integration zu einem neuen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind doch Städte, die auch in ihrer architektonischen Struktur voller Räume sind, die vereinen, Verbindungen schaffen und die Anerkennung des anderen begünstigen! Und daher gilt: keine Entwurzelung und keine Ausgrenzung! Wir müssen der Linie der städtischen Integration folgen! Dieses Wort muss das Wort Entwurzelung ersetzen, und zwar auch in jenen Projekten, die den Armenvierteln einen neuen Anstrich geben, die Peripherie verschönern, die sozialen Wunden »wegschminken« wollen, anstatt sie zu heilen, indem man eine wahre und respektvolle Integration vorantreibt. Oder ist diese Art von Architektur etwa nicht nur Fassade? In diese Richtung geht es jedenfalls. Arbeiten wir also weiter daran, allen Familien eine Wohnung, und allen Vierteln eine angemessene Infrastruktur zu geben (Kanalisierung, Licht, Gas, Asphalt), und – ich kann es nicht oft genug sagen –: Schulen, Krankenhäuser, Notaufnahmen, Sportzentren, und alles, was Bindungen schafft und vereint, Zugang zu ärztlicher Betreuung – das habe ich bereits gesagt – wie auch zu Bildung und Sicherheit des Eigentums.

Drittens, Arbeit. Es gibt keine schlimmere materielle Armut – das möchte ich hier noch einmal ganz deutlich betonen – als jene, die es dem Menschen verwehrt, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und ihn der Würde der Arbeit beraubt. Die Jugendarbeitslosigkeit, die Informalität und das Fehlen von Arbeitsrechten sind nicht unvermeidlich – sie sind das Ergebnis einer vorherigen sozialen Entscheidung, eines Wirtschaftssystems, das den Nutzen über den Menschen stellt, wenn der Nutzen wirtschaftlicher Art ist, über die Menschlichkeit oder über den Menschen. Sie sind das Ergebnis einer Wegwerfkultur, die den Menschen als solchen als Konsumgut betrachtet, das man benutzen und dann wegwerfen kann. Zum Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung kommt heute noch eine neue Dimension hinzu, eine harte und graphische Nuance der sozialen Ungerechtigkeit. Wer sich nicht integrieren kann, die Ausgeschlossenen, ist Ausschussware, »Überschuss«. Das ist die Wegwerfkultur, und zu diesem Punkt möchte ich noch etwas anfügen, das hier nicht geschrieben steht, mir aber gerade in den Sinn kommt: das passiert, wenn im Zentrum eines Wirtschaftssystems der Götze Geld steht und nicht der Mensch, die menschliche Person, Ebenbild Gottes, geschaffen, um Herr des Universums zu sein. Wenn die Person beiseite geschoben wird und der Götze Geld ins Spiel kommt, dann werden die Werte über den Haufen geworfen.

Lasst mich das anhand einer Lehre aus dem Jahr 1200 veranschaulichen. Ein jüdischer Rabbiner erklärte seinen Gläubigen die Geschichte des Turmbaus zu Babel und erzählte ihnen, dass es, um den Turm zu bauen, großer Anstrengungen bedurfte, dass man für die Ziegel zunächst einmal Schlamm und Stroh brauchte; dass man den Schlamm mit dem Stroh vermischen, die Masse in Quader schneiden; diese dann trocknen und brennen musste, und dass man die Ziegel, nachdem man sie gebrannt und abgekühlt hatte, zu der Baustelle bringen musste, an der der Turm entstehen sollte. Wenn ein Ziegel herunterfiel, dann war das – in Anbetracht dessen, wie viel er dank dieser vielen Arbeit gekostet hatte – fast schon eine Tragödie von nationalem Ausmaß. Derjenige, der ihn hatte fallen lassen, wurde bestraft, fortgejagt, oder man machte sonst etwas mit ihm. Wenn aber ein Arbeiter herunterfiel, dann passierte gar nichts. Genau das geschieht, wenn ein Mensch im Dienst des Götzen Geld steht! Und diese Geschichte hat ein jüdischer Rabbiner im Jahr 1200 anhand all dieser schrecklichen Dinge erzählt.

Was das Wegwerfen angeht, müssen wir ein bisschen mehr darauf achten, was in unserer Gesellschaft vor sich geht. Ich wiederhole hier Dinge, die ich schon gesagt habe und die auch in Evangelii gaudium stehen. Heute »sondert« man die Kinder »aus«, weil die Geburtenrate in vielen Ländern der Welt zurückgegangen ist; man »sondert sie aus« aus Mangel an Essen oder weil man sie umbringt noch bevor sie geboren wurden; ausgesonderte Kinder. Man »sondert« die alten Menschen »aus«, weil sie keinen Nutzen haben, nichts produzieren. Kinder und alte Menschen produzieren nichts, und deshalb schiebt man sie mit mehr oder weniger raffinierten Systemen langsam immer mehr beiseite. Und weil es in dieser Krise eines gewissen Gleichgewichts bedarf, erleben wir nun auch noch eine dritte schmerzliche »Aussonderung «: die der jungen Menschen. Millionen junger Menschen – ich kenne die genaue Zahl nicht und die, die ich gelesen habe, kommt mir etwas übertrieben vor – Millionen von jungen Menschen sind aus der Welt der Arbeit ausgeschlossen, arbeitslos.

In den europäischen Ländern, und das sind sehr klare Statistiken – hier in Italien –, beträgt die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen ein bisschen mehr als 40 Prozent. Wisst ihr, was das bedeutet? 40 Prozent der Jugendlichen, eine ganze Generation, eine ganze Generation zu zerstören, um das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten! In einem anderen europäischen Land sind es schon mehr als 50 Prozent, und im Süden dieses Landes sogar 60 Prozent. Das sind klare Zahlen, »Zahlen der Ausgrenzung«. Ausgegrenzte Kinder, ausgesonderte alte Menschen, die nichts produzieren, und wir müssen eine Generation junger Menschen opfern – ausgegrenzte junge Menschen –, um ein System zu erhalten und auszugleichen, das sich um den Götzen Geld dreht und nicht um die menschliche Person.

Trotz dieser Wegwerfkultur, dieser Kultur des Überschusses, haben sich viele von euch – ausgeschlossene Arbeiter –, die für dieses System »Ausschussware« sind, Arbeit geschaffen, indem sie auf alles zurückgegriffen haben, was man scheinbar nicht mehr benützen kann – und das ist euch geglückt, dank eures handwerklichen Geschicks, das euch Gott gegeben hat, dank eures Einfallsreichtums, eurer Solidarität, eurer gemeinschaftlichen Arbeit, eurer volksnahen Wirtschaft. Es ist euch geglückt und es glückt euch weiter… Und lasst euch gesagt sein: Das ist für mich nicht nur Arbeit, es ist Poesie! Danke. Schon heute hat jeder Arbeiter, ganz gleich, ob er Teil des formalen Systems der Gehaltsempfänger ist oder nicht, ein Recht auf eine würdige Entlohnung, soziale Sicherheit und eine Rente.

Hier sind die cartoneros, Recycler, Straßenverkäufer, Schneider, Handwerker, Fischer, Bauern, Maurer, Bergarbeiter, Arbeiter der »empresas recuperadas « [vor dem Bankrott stehende Unternehmen, deren Leitung die Arbeiter selbst übernommen haben, um die Schließung abzuwenden], Mitglieder von Genossenschaften jeder Art und Personen, die die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten, die ausgeschlossen sind von den Arbeitsrechten, denen die Möglichkeit verwehrt wird, eine Gewerkschaft zu haben, die kein angemessenes festes Einkommen haben. Heute will ich meine Stimme mit der ihren vereinen und sie in ihrem Kampf begleiten.

Bei unserer heutigen Begegnung habt ihr auch von Frieden und Ökologie gesprochen. Das ist logisch: Es kann keinen Boden, keine Wohnung geben, es kann keine Arbeit geben, wenn wir keinen Frieden haben und unseren Planeten zerstören. Diese Themen sind so wichtig, dass sich ihnen die Völker und ihre Grundorganisationen nicht entziehen können. Sie können nicht den Politikern allein überlassen bleiben. Alle Völker der Erde, alle Männer und Frauen guten Willens, wir alle, müssen unsere Stimme erheben zur Verteidigung dieser zwei wertvollen Gaben: Frieden und Natur. Schwester Erde, wie sie Franz von Assisi nannte.

Vor kurzem habe ich gesagt, und ich wiederhole es, dass wir den Dritten Weltkrieg erleben, aber stückchenweise. Es gibt Wirtschaftssysteme, die nur dann überleben können, wenn Krieg geführt wird. So stellt man Waffen her und verkauft sie, und so können die Bilanzen der Wirtschaftssysteme, die den Menschen dem Götzen Geld opfern, natürlich saniert werden. Aber dabei denkt man nicht an die hungrigen Kinder in den Flüchtlingslagern, man denkt nicht an die Zwangsumsiedlungen, man denkt nicht an die zerstörten Häuser, ja, man denkt auch nicht an die vielen Leben, die zerbrochen sind. Wie viel Leid, wie viel Zerstörung, wie viel Schmerz! Heute, liebe Brüder und Schwestern, erhebt sich in allen Teilen der Welt, in jedem Volk, aus jedem Herzen und in den Volksbewegungen der Friedensruf: Nie wieder Krieg!

Ein Wirtschaftssystem, in dem sich alles um den Götzen Geld dreht, muss auch die Natur ausbeuten; es muss die Natur ausbeuten, um den frenetischen Rhythmus des Konsums, der ihm eigen ist, aufrechterhalten zu können. Der Klimawandel, der Verlust der biologischen Vielfalt, die Abholzung der Wälder haben in den großen Katastrophen, deren Zeugen wir sind, bereits ihre Auswirkungen gezeigt. Und die, die am meisten darunter leiden, seid ihr, die einfachen Menschen, die in prekären Behausungen an den Küsten leben oder wirtschaftlich so wenig abgesichert sind, dass sie bei einer Naturkatastrophe alles verlieren. Brüder und Schwestern: Die Schöpfung ist kein Besitz, über den wir nach freiem Gutdünken verfügen können; und ebenso wenig ist sie das Eigentum einiger weniger. Die Schöpfung ist ein Geschenk, ein wunderbares Geschenk, das Gott unserer Sorge anvertraut hat, damit wir es zum Wohl aller nutzen, stets mit Respekt und Dankbarkeit. Vielleicht wisst ihr, dass ich an einer Enzyklika über Ökologie arbeite: Seid versichert, dass eure Sorgen darin Niederschlag finden werden. Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich auch für den Brief, den mir die Mitglieder der Vía Campesina, die Föderation der Cartoneros und viele andere Brüder und Schwestern zu diesem Thema zukommen ließen.

Wir sprechen von Boden, Arbeit, Wohnung. Wir sprechen davon, für den Frieden zu arbeiten und uns der Natur anzunehmen. Warum gewöhnen wir uns dann aber daran zuzusehen, wie die würdevolle Arbeit zerstört wird, wie viele Familien aus ihren Häusern geworfen, Bauern vertrieben, Krieg geführt und die Natur ausgebeutet wird? Warum ist der Mensch, die menschliche Person, aus dem Zentrum gerückt und von einer anderen Sache ersetzt worden? Weil man mit dem Geld Götzenkult betreibt! Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat! Ja, man hat die Gleichgültigkeit globalisiert: Was kümmert’s mich, was mit den anderen geschieht, solange ich nur das verteidige, was mir gehört! Weil die Welt Gott vergessen hat, der Vater ist; sie ist Waise geworden, weil sie Gott beiseite geschoben hat.

Einige von euch haben gesagt: dieses System ist nicht mehr zu ertragen. Wir müssen es ändern, wir müssen die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen. Das muss mit Mut geschehen, aber auch mit Intelligenz. Mit Beharrlichkeit, aber ohne Fanatismus. Mit Leidenschaft, aber ohne Gewalt. Und mit allen zusammen, indem wir uns den Konflikten stellen, ohne uns in sie hineinziehen zu lassen, und stets versuchen, Spannungen beizulegen, um ein größeres Maß an Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen. Wir Christen haben etwas sehr Schönes, eine Handlungsstrategie, ein Programm, das – wie wir sagen könnten – revolutionär ist. Ich empfehle euch dringend, es zu lesen, die Seligpreisungen zu lesen, die ihr in Kapitel 5 bei Matthäus und Kapitel 6 bei Lukas finden könnt (vgl. Mt 5, 3 und Lk 6, 20), sowie das 25. Kapitel im Matthäusevangelium. Wie ich den Jugendlichen in Rio de Janeiro gesagt habe, findet sich in diesen beiden Stellen ein Programm für das Handeln.

Ich weiß, dass unter euch Menschen verschiedener Religionen, Berufe, Weltanschauungen, Kulturen, Länder und Kontinente sind. Ihr praktiziert heute hier die Kultur der Begegnung, die ganz anders ist als Fremdenhass, Diskriminierung und Intoleranz, die wir so oft erleben. Unter den Ausgeschlossenen kommt es zu dieser Begegnung der Kulturen, wo das Zusammensein die Besonderheit nicht aufhebt; ja, das Zusammensein hebt die Besonderheit nicht auf. Deswegen gefällt mir auch das Bild des Polyeders so gut, eine geometrische Figur mit vielen Facetten. Das Polyeder spiegelt den Zusammenfluss von allen Besonderheiten wider, die in ihm ihre Originalität bewahren. Nichts wird aufgelöst, nichts zerstört, nichts wird beherrscht, alles wird integriert; ja, alles wird integriert. Ihr sucht heute auch die Synthese zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Ich weiß, dass ihr jeden Tag an naheliegenden, konkreten Dingen arbeitet, auf eurem Territorium, in eurem Viertel, an eurem Arbeitsplatz. Ich lade euch ein, auch nach einer weiteren Perspektive zu suchen. Lasst euren Träumen freien Lauf, lasst sie das Ganze umfassen!

Daher erscheint mir der Vorschlag wichtig, von dem mir einige von euch erzählt haben: dass diese Bewegungen, diese Erfahrungen der Solidarität, die von der Basis – sozusagen vom »Untergeschoss « des Planeten Erde – ausgehen, zusammenfließen, koordinierter sein und sich austauschen sollten, wie ihr es in diesen Tagen getan habt. Aber aufgepasst: Es ist niemals gut, die Bewegung in steife Strukturen einzuschließen, daher habe ich gesagt: sich austauschen und einander begegnen. Und noch weniger gut ist es, die Bewegung absorbieren, leiten oder gar beherrschen zu wollen. Freie Bewegungen haben eine eigene Dynamik, ja, wir müssen versuchen, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Wir sind hier in diesem Saal, der alten Synodenaula – es gibt ja inzwischen eine neue – und Synode heißt genau das: »gemeinsam gehen«. Möge das ein Sinnbild des Prozesses sein, den ihr begonnen habt und den ihr auch weiter vorantreibt!

Die Volksbewegungen bringen die dringende Notwendigkeit zum Ausdruck, unseren durch viele Faktoren so oft vom Kurs abgebrachten Demokratien neues Leben einzuhauchen. Es ist unmöglich, sich eine Zukunft für die Gesellschaft vorzustellen, in der die großen Mehrheiten keine Protagonisten-Rolle haben, und dieser Protagonismus geht über die Verfahrensweisen der formalen Demokratie hinaus. Die Perspektive einer Welt des dauerhaften Friedens und der beharrlichen Gerechtigkeit verlangt von uns, dass wir die paternalistische Wohlfahrtspolitik überwinden; dass wir neue Formen der Teilnahme schaffen, die die Volksbewegungen mit einschließen und die lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt. Und das in einem konstruktiven Geist, ohne Groll, aber mit Liebe.

Auf diesem Weg begleite ich euch von ganzem Herzen. Sagen wir gemeinsam von ganzem Herzen: keine Familie ohne Wohnung, kein Bauer ohne Boden, kein Arbeiter ohne Rechte, kein Mensch ohne die Würde, die die Arbeit gibt.

Liebe Brüder und Schwestern: Setzt euren Kampf fort, das ist gut für uns alle! Das ist wie ein Segen an Menschlichkeit! Als Erinnerung, als Geschenk  und mit meinem Segen habe ich ein paar Rosenkränze für euch, die von Kunsthandwerkern, cartoneros und Arbeitern der lateinamerikanischen »economía popular« [volksnahe Wirtschaft] hergestellt wurden. Und indem ich euch begleite, bete ich für euch, mit euch, und bitte Gott, unseren Vater, euch zu begleiten und zu segnen; euch mit seiner Liebe zu erfüllen und auf eurem Weg zu begleiten, indem er euch jene Kraft in Fülle schenkt, die uns auf den Beinen hält: und jene Kraft ist die Hoffnung, die Hoffnung, die nicht trügt. Danke.

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Quelle: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2014/october/documents/papa-francesco_20141028_incontro-mondiale-movimenti-popolari.html