Klimawandel, Wald und Wild

Weibhausen. (al) Der Wald leidet!  Klimawandel und Wildverbiss setzen ihm arg zu!  Das war der überlagernde Ton einer Veranstaltung mit Prof. Dr. Hubert Weiger, dem Bundesvorsitzenden des Bund Naturschutz, der auf Einladung des Agrarbündnisses BGL / Traunstein neulich nach Weibhausen gekommen war, um über das Thema „Wald und Jagd“ zu sprechen.  Der Initiator des Agrarbündnisses, Leonhard Strasser konnte zu dieser Veranstaltung auch den Leiter des LWA Traunstein, Alfons Leitenbacher, sowie Beate Rutkowski, die Vorsitzende des Bund Naturschutz Traunstein, die neue MdL der Grünen, Gisela Sengl, die Gebietsvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende der AbL, Gertraud Gafus und Albert und Liesi Aschauer, die stellvertretenden Kreisvorsitzenden des BDM im BGL begrüßen.

Leonhard Strasser (l.), hatte mit Hilfe der Vorsitzenden des Bund Naturschutz Traunstein, Beate Rutkowski, den Bundesvorsitzenden, Prof. Dr. Hubert Weiger für ein Referat zum Thema: „Wald und Jagd“ gewinnen können.Fotos: Alois Albrecht

Leonhard Strasser (l.), hatte mit Hilfe der Vorsitzenden des Bund Naturschutz Traunstein, Beate Rutkowski, den Bundesvorsitzenden, Prof. Dr. Hubert Weiger für ein Referat zum Thema: „Wald und Jagd“ gewinnen können. Fotos: Alois Albrecht

Prof. Weiger sagte Eingangs seines Referats, den Kreisen BGL und Traunstein komme im Bereich Naturschutz besondere Bedeutung zu, denn durch das Agrarbündnis, einem Konglomerat von vielen Interessengruppen und Vereinen, hätten die Kreise eine Vorbildfunktion beim Naturschutz, der bäuerlichen Landwirtschaft und Förderung der Region.  Hier gebe es noch die kleinstrukturierte bäuerliche Landwirtschaft, die in anderen Teilen Deutschlands und Europas von übermächtigen Interessen verdrängt wird.  Als Beispiele nannte Prof. Weiger den Schlachthof von Clemens Tönnies, dem Präsidenten des Fußball Clubs Schalke 04, der in Rheda-Wiedenbrück einen Schlachthof hat, in dem pro Tag 25000 (1700 / Stunde) Schweine geschlachtet werden und Niedersachsen, wo im „Güllegürtel“, den Kreisen Vechta und Cloppenburg, mehr als zwei Millionen Schweine in Mastställen auf ihre „Verwertung“ in einer „Qualitätsfleisch-Gewinnungsanlage“ wie jener von Tönnies warten.  Bei Dimensionen wie diesen in der Tierzucht ist die Umweltbelastung natürlich enorm, sagte Prof. Weiger und rief dazu auf, sich zahlreich an einer Protestaktion gegen die untragbaren Auswüchse dieser industrialisierten Landwirtschaft am 18. Januar in Berlin zu beteiligen.

Zum heimischen Wald kommend sagte Weiger, diesem setzten vor allem zwei Dinge sehr zu.  Zum einen seien die Effekte des Klimawandels nicht mehr zu übersehen und obendrein werde die Situation durch vielerorts übermäßigen Wildverbiss noch verschärft.  Der Klimawandel bringe vermehrt Stürme und Überflutungen mit sich, sagte Prof. Weiger.  Was bisher „Jahrhundertstürme und Jahrhunderthochwasser“ waren passierten jetzt jedes Jahrzehnt.  „Die Extreme werden mehr und stärker“, sagte Prof. Weiger.  Es würden zwar verschiedene Szenarien und Größenordnungen für die zu erwartenden Temperaturanstiege prognostiziert, aber dass diese eintreffen stehe außer Frage.

Besonders betroffen sind jetzt schon unsere Wälder, stellte Prof. Weiger fest.  Dies sei bedingt durch die Dominanz von Arten die sehr sensibel auf klimatische Veränderungen reagierten und wie die Fichten hierzulande in Monokulturen ständen.  Ein „natürlicher“ Wald in unserer Gegend bestünde aus Buchen, als dominanter Art, in Verbindung mit Eichen und Nadelbaumarten, wie Weißtanne, Fichte und einigen Kiefern, sagte Prof. Weiger.  Leider seien unsere Wälder aus wirtschaftlichen Beweggründen ummodelliert worden, mit der Fichte als „Brotbaum“, die aber jetzt durch den Klimawandel zum „Notbaum“ zu werden drohe, mit einem Bestand, der auf 800000 ha in Bayern instabil sei.  Der Befall durch Borkenkäfer sei auch ein Resultat des Klimawandels, meinte Prof. Weiger.  Besonders pikant sei dabei, dass schon in 1888 festgestellt wurde, dass Mischwälder ideal seien, sowohl als Wald, zur Humusbildung und als natürlicher Wasserspeicher.

Zusätzlich würde der Wald durch Wildverbiss belastet, sagte Prof. Weiger.  Der Bund Naturschutz und andere Organisationen forderten deshalb eine intensivere Bejagung für eine gewisse Zeit, um die Schalenwildbestände auf ein für den Wald erträgliches Maß zu verringern.  Das habe nichts mit „Wildvernichtung“ zu tun, beteuerte Prof. Weiger.  Wie sich in einigen Modellregionen, eine davon ganz in der Nähe in Kay, gezeigt hätte, wären nur ein paar Jahre der intensiven Bejagung nötig um das Ziel zu erreichen.  Danach könnten die Abschusszahlen wieder auf das vorherige Niveau gesenkt werden.  Um den Wald zu retten müsse aber unbedingt der Grundsatz; „Wald vor Wild“ gelten.  Prof. Weiger erinnerte in diesem Zusammenhang an den Spruch des früheren bayerischen Staatsministers für Landwirtschaft und Forsten, Hans Eisenmann, der sagte; „Bäume müssen ohne Schutzmaßnahmen wachsen können“.  Der Effekt einer relativ kurzzeitigen, intensiven Bejagung zeige sich deutlich an der Erholung des Waldes und habe zudem auch eine gute Nebenwirkung auf das Wild selbst, denn wie sich in Modellregionen zeigte, hätte das Gewicht der Rehe zugenommen.  Die Abschussplanung sollte sich immer konsequent nach dem Vegetationszustand richten, sagte Prof. Weiger.  Holz sei ein sehr wichtiger nachwachsender Rohstoff und wir befinden uns in einem „Wettlauf mit der Zeit“ um unsere Wälder zu retten.  „Die Vergangenheit hat gelehrt wir müssen handeln solange wir noch können.“  Prof. Weiger bezeichnete die Weißtanne als den „Schlüsselbaum“ für die Rettung des Waldes, denn diese sei Klimaangepasster als die Fichte und eine Baumart, die Böden entwässere und sichere und Humusbildend wirke.  Durch die Arbeit der Naturschutzverbände sei auf europäischer Ebene auch eine Reduzierung der Schwefelemissionen um 90 % erreicht worden, die den Tannenbeständen sehr zugute gekommen sei, denn die Tanne reagiere sehr empfindlich auf Schwefel und habe jetzt wieder eine gute Perspektive.  Abschließend meinte Prof. Weiger, er sei sicher die Jäger würden sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen und sich einbringen in die Rettung des Waldes.

In der Diskussion nach dem Vortrag stimmte der LWA Leiter Alfons Leitenbacher den Ausführungen von Prof. Weiger grundsätzlich zu und meinte die Waldbauern sollten sich einbringen und die nötigen Abschusszahlen fordern; „Ihr müsst klar sagen dass ihr eine bestimmte Jagd wollt und wir unterstützen euch“.  Es sei ja ihr Wald der durch den Wildverbiss geschädigt würde.  Auch Leonhard Strasser meinte die Jäger sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden und er appellierte auch an die Bauern ihre Wälder in Mischwälder umzuwandeln, denn ein Quadratmeter Fichtenwald speichere gerade 10 l Wasser, während ein gesunder Mischwald 116 l halte.  „Wir brauchen einen gesunden Wald nicht nur für uns, sondern auch für unsere Enkel und Urenkel“, sagte Strasser.  Wie sich in der lebhaften Diskussion zeigte sehen vor allem die Bauern ein Defizit bei der Unteren Jagdbehörde, die den Forderungen der Waldbauern zu wenig nachkomme, oder sie sogar ignoriere.  Impliziert wurde auch, dass die Untere Jagdbehörde, die dem Landratsamt angegliedert ist, durch politischen Lobbyismus beeinflusst werde und deshalb sowohl den Forderungen der Waldbauern, als auch den Vegetationsgutachten des LWA nicht Genüge tue.  Zu einer Frage an Prof. Weiger, hinsichtlich einer Empfehlung, die Douglasie verstärkt zu pflanzen, meinte dieser, er sei skeptisch, denn wir hätten sehr geeignete heimische Arten, die Risiken, wie sie bei der Douglasie entstehen könnten, von vornherein ausschließen würden.  Auch die Lärche sei eigentlich nur als Gebirgsbaum geeignet.  MdL Gisela Sengl sagte sie wolle die Meinung von Jägern hören.  Es meldete sich auch ein junger Jäger aus dem Allgäu, der sagte, seiner Meinung nach seien die Grundstücksbesitzer schuld, die vielfach eine Trophäenjagd betrieben oder zuließen, und so generelle und flächendeckende Abschüsse verhinderten.  Auch Prof. Weiger bezeichnete die Trophäenjagd als „schlichtweg anachronistisch“.

Prof. Weiger meinte abschließend zur Diskussion, der Abend sei „hochspannend“ gewesen und er könne viel davon mitnehmen und verwerten.  Die Veranstaltung habe gezeigt; „wir brauchen bessere und klare Regularien, eine Angleichung der Jagdzeiten, mehr Transparenz und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Bauern und der Unteren Jagdbehörde“.  „Die Jagdvorstände sollten besser einbezogen werden und gute Beispiele müssen besser transportiert und veröffentlicht werden“.  Das Ziel müsse nicht eine Ausrottung der Tiere sein, sondern eine Sicherung der Wälder.

Beim Regenwurmbauern Sepp Braun

Neulich stattete das Agrarbündnis und die Oberland-Gruppe der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) dem Bauern einen Besuch ab, der durch Regenwürmer einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat.  Über Sepp Braun, Bio-Bauer in der Nähe von Freising, hat der unter Anderem in der Sparte Naturnahe Landwirtschaft und Anti-Gentechnik sehr profilierte Filmemacher Bertram Verhaag einen seiner Filme gemacht.  In diesem; „Der Bauer mit den Regenwürmern“, würdigt Braun vor allem die Wichtigkeit der Regenwürmer für eine gute Bodenbeschaffenheit.  Auch beim Besuch der Oberlandgruppe der AbL, die sich aus Bauern aus dem Berchtesgadener Land, den Inn- und Salzachregionen zusammensetzt, spielten Regenwürmer natürlich eine Rolle.  In seiner Hofführung ging Sepp Braun aber auf viele weitere Aspekte der Landwirtschaft ein und wie er eine gute Zukunft dafür sieht.

Initiiert worden war die Fahrt der Bauern durch die AbL Sprecherin für die Region und stellvertretende Bundesvorsitzende, Gertraud Gafus von der Fürmannalm bei Anger.  In Fahrgemeinschaften wurde nach Freising gefahren, wo etwa 50 Bauern und Bäuerinnen von Sepp Braun auf seinem Hof empfangen wurden.  Braun erläuterte dann bei seiner Führung seine Philosophie des Arbeitens mit der Natur, statt wie in der gängigen konventionellen Landwirtschaft, das Ringen mit ihr und manchmal auch gegen sie.  Nur durch gute, lebendige Böden könnten gute Voraussetzungen für das dauerhafte Gedeihen von Pflanzen geschaffen und damit die Welternährung sichergestellt werden, sagte Braun.  Es sei darauf zu achten, meinte Braun, dass Böden nicht übermäßig verdichtet würden, denn nur dann könnten sich die für einen guten Boden unabdingbaren Lebewesen, von Mikroorganismen bis zu Regenwürmern, und ein gutes Wurzelwerk der Pflanzen entwickeln und gedeihen.  Braun prangerte in diesem Zusammenhang den Gebrauch von immer größeren Maschinen an.  Manche davon hätten jetzt eine Achslast von 20 t, das sei das Zweifache der im Straßenverkehr, also auf befestigten Straßen, zugelassenen.  Deshalb gebe es auch im Verhältnis zu natürlichen, unverdichteten in solchen Böden kaum noch Regenwürmer.  Während in natürlichen Böden auf einem Quadratmeter bis zu 350 Regenwürmer zu finden sind, sind es auf von der konventionellen Landwirtschaft verdichteten gerade einmal etwa 18.  Das senkt natürlich auch die Fähigkeit des Bodens CO2 zu speichern, oder Wasser aufzunehmen, sagte Braun.  Ein unverdichteter, natürlicher Boden könne pro Stunde bis zu 150 Liter Wasser aufnehmen.  Dies mache Überschwemmungen, wie sie in den letzten Jahren vorgekommen sind, praktisch unmöglich.

Wir müssen weg vom „immer größer, immer mehr und immer schneller“, forderte Braun und uns auf die Natur einlassen und mit ihr arbeiten.  Nur in einer gesunden Natur, der sich der Mensch anpasse, könne auch dieser ein gutes Dasein führen.  Er sehe das an seinen Tieren, sagte Braun.  Diese seien viel gesünder und bräuchten kaum noch medizinische Versorgung.  Die Bäume und Büsche, die er in den Hecken um die Weide der Tiere gepflanzt habe, seien sorgfältig ausgewählt worden, nach Gesichtspunkten der medizinischen Wirkungen die sie auf die Tiere haben.  So könnten Kühe, die sich nicht wohl fühlten instinktiv selbst mit Mitteln versorgen, die in diesen Pflanzen enthalten sind.  Als Beispiel nannte Braun eine Studie, die zeigte, dass Schweine die die Möglichkeit haben in Kompost zu wühlen, gesünder seien als andere, denen das nicht möglich ist.  Die Studie fand, dass sich im Kompost sehr starke natürliche Antibiotika entwickelte.  Überhaupt seien Futtermittel auch Heilmittel, wenn sie richtig gewählt würden, meinte Braun.  So achte er darauf, dass das Heu nicht nur Kleegras enthalte, sondern vielerlei weiterer Pflanzen wie Spitzwegerich und Pimpernelle.

Sepp Braun erläuterte die richtige Zusammensetzung des Heus für die Gesundheit der Tiere.

Sepp Braun erläuterte die richtige Zusammensetzung des Heus für die Gesundheit der Tiere.

Beim Düngen seiner Wiesen und Felder setze er ausschließlich auf natürliche Methoden.  Dazu mische er Kompost mit Steinmehl und Holzkohle, reichere damit den Boden an und setze einen Kreislauf in Bewegung, bei dem sich der Boden selbst regeneriere und verbessere.  Auf den Wiesen mulche er den letzten Schnitt und lasse ihn liegen, als Futter für die Regenwürmer.

Braun hatte noch viele Beispiele parat, mit denen er für die Besucher veranschaulichte, wie er mit der Natur arbeite, statt sich in einen Kampf mit ihr einzulassen.  Das sei ein entscheidender Punkt meinte er.  Für Jahrhunderte habe der Mensch versucht die Natur zu beherrschen und dabei unglaublichen Schaden angerichtet.  Dabei sei es viel besser, einen lebenslangen Lernprozess darüber anzufangen, wie Naturverträglich gewirtschaftet werden könnte.

Nachdem sich die Bauern der AbL bei Braun für die lange und interessante Führung bedankt hatten, nahmen sie vor der Heimfahrt ein spätes Mittagessen in der Brauerei Weihenstephan ein, wo sie noch eifrig über die Methoden des Bauern mit den Regenwürmern weiterdiskutierten.

Agrarbündnis diskutiert See-Problem

Der Weltagrarbericht ist sehr klar darin, die Landwirtschaft, wie sie jetzt in den meisten Ländern betrieben wird, ist nicht nachhaltig und überlebensfähig.  Das war auch der Grundgedanke bei einer Diskussion des Agrarbündnisses BGL / Traunstein neulich im Gasthaus Weibhausen.  Dass die Probleme in der Landwirtschaft nicht nur in den Dimensionen der Weltwirtschaft ersichtlich werden, sondern auch bei uns auf lokaler Ebene, zeigen die Probleme mit dem übermäßigen Phosphat-Eintrag in den Waginger See.  Darum ging es vor Allem in der Diskussion in Weibhausen.  Für professionelle Beiträge zur Diskussion hatte das Agrarbündnis den Leiter des LWA Traunstein, Alfons Leitenbacher und den Werkleiter der Gemeindewerke Waging, Heinrich Thaler eingeladen.  Beide wurden vom Initiator des Agrarbündnisses, Leonhard Straßer, begrüßt.

Auf Einladung des Agrarbündnisses BGL / Traunstein und seines Initiators, Leonhard Straßer (l.), diskutierten der Leiter des LWA Traunstein, Alfons Leitenbacher (2. v. l.) und der Werkleiter der Gemeindewerke Waging, Heinrich Thaler (r.) mit Bauern und Vertretern des Bündnisses über den Waginger See und generelle Probleme in der Landwirtschaft. Foto: Alois Albrech

Auf Einladung des Agrarbündnisses BGL / Traunstein und seines Initiators, Leonhard Straßer (l.), diskutierten der Leiter des LWA Traunstein, Alfons Leitenbacher (2. v. l.) und der Werkleiter der Gemeindewerke Waging, Heinrich Thaler (r.) mit Bauern und Vertretern des Bündnisses über den Waginger See und generelle Probleme in der Landwirtschaft.
Foto: Alois Albrecht

Leitenbacher sagte der Unterschied zwischen den aneinandergrenzenden Waginger und Tachinger Seen zeige deutlich dass der Waginger See durch die Bodenbeschaffenheit um ihn herum unter dem hohen Phosphat-Eintrag leide, während das Problem beim Tachinger See kaum existiere.  „Denn“, so Leitenbacher, „weder die Bauern, noch ihre Wirtschaftsweisen unterscheiden sich“.  Die Situation könne aber signifikant verbessert werden, wenn die Bauern mitziehen würden und bestimmte Regeln beachteten.  Dabei soll aber nicht verlangt werden, dass Alle auf Öko-Landbau umstellen und konventionell arbeitende Bauern dürften nicht „verteufelt“ werden, betonte Leitenbacher.  Jedenfalls sei der jetzige Phosphat-Eintrag von 16 Tonnen etwa das Achtfache eines akzeptablen Wertes.  Es bedürfe sicher finanzieller Unterstützung um dem Problem beizukommen, wobei aber auch klar sei, dass Geld alleine kein Allheilmittel wäre.  Zuallererst müsse eine Bewusstseinsänderung eintreten, insbesondere bei den Bauern.  Um diese zu erreichen sollten Versuche unternommen werden, Bauern, die vor Entscheidungen stehen durch Beratung und Öffentlichkeitsarbeit in eine gute Richtung zu lenken.  Er sehe keine guten Ansätze in Pauschallösungen.  Nur durch individuelle Betrachtung könnten Lösungen gefunden werden, denn es gebe zu viele verschiedene Aspekte bei jedem Stück Land und jedem Bauern.

Werkleiter Thaler meinte es gebe gute finanzielle Förderung, um die Probleme des Sees zu lösen, diese aber leider kaum genutzt würden.  Als positives Zeichen seitens der kommunalen Politik in den Gemeinden um den See sehe er die Bewerbung für eine Designation als „Öko-Modellregion“.  Er hätte kaum geglaubt, dass Mehrheiten für diese Bewerbung in den Gemeinderäten zu erreichen gewesen wären, meinte Thaler.

Der Kreisvorsitzende des BDM Traunstein, Sepp Hubert, beteuerte die Bauern fühlten sich bedroht durch Anprangerungen in denen sie als Alleinschuldige dargestellt würden.  „Wir sind doch nur den Vorgaben der Landwirtschaftspolitik und mancher Verbände gefolgt, die uns für viele Jahre eingebläut haben, zu wachsen oder zu weichen und die Landwirtschaft immer mehr zu intensivieren“, sagte Hubert.  „Wir müssen in der jetzigen Situation versuchen, die Dinge auf den Boden zurückzuholen und miteinander zu reden, statt sich in Vorurteilen einzuigeln“.

Die Sprecherin für die Attac-Gruppe Rupertiwinkel, Agnes Thanbichler, sagte das Phosphat-Problem bestünde nicht nur im Waginger See und von der Staatsregierung sollte deshalb ein umfassendes Gewässer-Programm für alle bayerischen Seen und Flüsse aufgelegt werden.  Die Landwirtschaft alleine sei nicht fähig die Gewässer-Probleme zu stemmen.  Es müsse ein Umdenken, nicht nur bei den Bauern und der Öffentlichkeit, sondern besonders auch bei der Politik stattfinden.  „Wir brauchen ein schlüssiges Konzept und dürfen nicht ewig auf Entwicklungsbeschlüsse warten“, meinte Thanbichler.  Thaler erwiderte es könnten keine fertigen Konzepte präsentiert werden, sondern die betroffenen Parteien sollten in Diskussionen Lösungen erarbeiten.  Bio-Bauer Franz Obermeier sagte ein Hemmschuh bei den Problemen des Waginger Sees sei es, dass die lokale Molkerei konventionell arbeite und nicht bereit sei dies zu ändern.  Der Vorstand der Direktvermarkter zwischen Watzmann und Waginger See, Alois Beer, meinte daraufhin, die Bauern um den See sollten Möglichkeiten für eine eigene Milchverarbeitung erwägen, wenn sich die Molkerei so stur stelle und damit eine Verbesserung der Phosphat-Situation verhindere.

Auf Anstoß von Beate Rutkowski, vom Bund Naturschutz Traunstein, wurde die Möglichkeit einer Umschichtung von der ersten Säule der Subventionsprogramme, die nur nach Fläche verteilt werden, auf die zweite Säule, in der auch Arbeitsleistungen und weitere Elemente Bewertung finden diskutiert.  Leider habe der BBV und die Landes- und Bundespolitik die Möglichkeit einer solchen, auch von der Europäischen Agrarkommission gewünschten Umschichtung verhindert, meinten sowohl Leitenbacher als auch Thanbichler.  Dabei wäre eine Umschichtung die einzige Möglichkeit größere finanzielle Ressourcen für Programme wie sie für den See nötig wären zu bekommen, denn die Regierungen verweigern jegliche zusätzliche Mittel.

Georg Planthaler, Bio-Bauer, AbL und BDM Mitglied sagte die jetzige Landwirtschaft sei nicht viel länger aufrechtzuerhalten.  Allerdings helfe auch Geld alleine nicht die Situation, sowohl des Waginger Sees, als der gesamten Landwirtschaft wirklich zu verbessern.  Es müsse eine Umstellung in den Köpfen der Bauern, der Verbraucher und der Politik stattfinden.  Es sei unverständlich dass der Umstand nicht mehr Beachtung finde, dass alles was in den Boden eingebracht werde, Dünger, Pestizide, Agrogentechnik und vieles mehr, schlussendlich auch in der Lebensmittelkette und auf unseren Tellern lande.  „Wir betreiben eine insgesamt falsche Landwirtschaft“, meinte Planthaler.  Auch Simon Angerpointner, ein Imker, stimmte dem zu und warnte vor den „Chemie-Keulen“ auf unseren Wiesen und Äckern, die sich dann beim Phosphat-Eintrag und weiteren Problemen manifestieren würden.  Heinrich Thaler meinte unter den Landwirten gebe es zu wenig Enthusiasmus und Aufbruchstimmung, durch die ein Wandel herbeigeführt werden könnte.  Die Gründe dafür seien seiner Meinung nach dass die Bauern „überarbeitet und überfordert“ seien durch den Zwang zur Größe und zur Technologie.

Landwirtschaft in Bolivien

Dr. Hans Eder hat als David den Kampf gegen den Goliath der Agrogentechnik-Industrie aufgenommen um wenigstens ein Minimum an Gentechnikfreiem Land in Bolivien zu erhalten.  Für das Agrarbündnis BGL / Traunstein berichtete er von seinen Bemühungen bei einem Vortrag in Weibhausen. Foto: Alois Albrecht

Dr. Hans Eder hat als David den Kampf gegen den Goliath der Agrogentechnik-Industrie aufgenommen um wenigstens ein Minimum an Gentechnikfreiem Land in Bolivien zu erhalten. Für das Agrarbündnis BGL / Traunstein berichtete er von seinen Bemühungen bei einem Vortrag in Weibhausen.
Foto: Alois Albrecht

Im Vortrag von Dr. Eder zeichnete dieser ein desolates Bild der gentechnikfreien Landwirtschaft in Bolivien.  Seien in 2005 noch 80 % der Landwirtschaft dort gentechnikfrei gewesen, so seien es jetzt nur noch zwei Prozent.  Durch den großen Druck der Agrarkonzerne und Landbarone, die oft gar nicht auf ihrem Land wohnhaft sind, sei die Gentechnik fast unaufhaltsam auf dem Vormarsch.  Um wenigstens noch Restgebiete gentechnikfrei zu halten sei es ein Kampf von „David gegen Goliath“, beteuerte Dr. Eder.  Kleinbauern und die indigene Bevölkerung kämen unter die Räder der Gentechnik-Lobby und –Konzerne.  Sie würden verdrängt und enteignet und hätten kaum noch eine Perspektive.  Schon deshalb sei es so wichtig Solidarität mit ihnen zu zeigen und ihnen wenigstens das wenige Land, das noch gentechnikfrei ist als solches zu bewahren.  Der linke Präsident von Bolivien, Evo Morales, habe zwar ein offenes Ohr für die Belange der Bevölkerung, aber der Druck der Lobbyisten und Konzerne sei so übermächtig dass auch er sich nicht gegen sie stellen könne, ohne einen auch wirtschaftlich tragbaren Gegenentwurf für ihre Machenschaften zu haben.  Dr. Eder sagte die Organisation PROBIOMA habe kleine Erfolge erzielen können, woran insbesondere die Frauen der Kleinbauern und Eingeborenen großen Anteil hätten.  Es bedürfe aber vor Allem finanzieller Mittel, um Land zu kaufen und es dann gentechnikfrei zu halten.  Es müsse auch ein ausreichend großer Puffergürtel zwischen den gentechnik Feldern und den gentechnikfreien geschaffen werden.  Dr. Eder sagte er fürchte wenn nichts weiter geschehe um den großen Landeigentümern und Konzernen Einhalt zu gebieten, würden in Bolivien bald alle natürlich gezüchteten Sorten, insbesondere von Soja und Mais verschwunden sein.  Europäer könnten behilflich sein, indem sie ihre Importe von gentechnisch verändertem Soja und Mais drastisch eindämmen würden, meinte Dr. Eder.  Die europäische Massentierhaltung trage viel zur Zerstörung der gentechinkfreien Landwirtschaft in Südamerika bei.  In Südamerika hätten Europäer, im Gegensatz zu Amerikanern und Asiaten, noch immer ein positives Image und könnten deshalb viel bewegen.  Ein Leitspruch, den Dr. Eder bei der Versammlung gab war: „Es hängt nicht von mir ab, aber es kommt auch auf mich an“, wie und wohin sich die Landwirtschaft, nicht nur in Südamerika, sondern Weltweit entwickelt.